Zum Inhalt springen

Mortimer & Miss Molly

Helmut Schödel, Süddeutsche Zeitung
Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Oliver Pfohlmann, Neue Zürcher Zeitung
Heinrich Steinfest, Stuttgarter Nachrichten
Walter Grünzweig, Album, der Standard
Thomas Rothschild, Die Presse
Sebastian Fasthuber, Salzburger Nachrichten

Aus der Schule der Unverfrorenheit

Helmut Schödel, Süddeutsche Zeitung

Dem Schriftsteller Peter Henisch ist nicht zu trauen. Diese Warnung durchzieht viele Rezensionen seiner Bücher, mehrheitlich Romane, in denen er die abenteuerlichsten, gleichwohl bestens recherchiert wirkenden Geschichten auftischt. Trotz seiner überschwänglichen Fabulierlust vergisst Henisch nie die Details, und wie fein hingetuscht auch alles anmutet in dieser famosen Leichtigkeit, erreicht es immer wieder die Kraft des Faktischen. Aber dann wird man gewahr, dass die Hauptsätze seiner Prosa Fragesätze sind. Er ist der Mann der 1000 Fragezeichen. Und ein großer Ironiker. Über allen interpretatorischen Bemühungen steht das Lächeln des Autors.

In „Der verirrte Messias“ (2009) hatte er seinen Lesern einen Mann vorgestellt, der sich nach genauerer Bibellektüre mit Jesus identifiziert. Sein gelebter Nachvollzug des Neuen Testaments wird allerdings in Briefen an eine gewisse Barbara, eine Literaturkritikerin, gespiegelt, der man auch nicht ganz trauen will, weil sie behauptet, sie habe an Händen und Füßen dieses Mannes Stigmata gesehen. Ein anderer Glaubensbeweger sieht aus wie der frühere amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, und am Ende bleibt die diesmal allerdings strikte Frage, wie es denn eigentlich mit der Erlösung steht nach 2000 Jahren.

„Morrisons Versteck“ (1991/2001) wiederum ist ein geniales Stück aus der Schule der Unverfrorenheit. Eine Fotografin soll einen Mann namens Paul, einer jugendlichen Henisch-Abspaltung, mitgeteilt haben, dass ihr das Popidol Jim Morrison, der ehemalige Frontman der Doors erschienen sei, als Exhibitionist in der Hecke eines offenbar verwunschenen, auf drei Seiten von einer Mauer umgebenen Garten. Die Topoi deutscher Romantik, aus der sich wohl auch der ironische Gestus herleitet, gehören fix zu Henischs Welt.

Henisch gab vor, eine Biografie schreiben zu wollen, „ ein alter Hut, spätestens seit Plutarch“, und aus einem Objekt der Pop-Industrie ein Subjekt zu machen, aus dem großen Pan mit dem „ bisexuellen Appeal“ dieser „männlichen Brigitte Bardot“ einen Menschen. Morrison war ein Mann aus Henischs Jahrgang, 1943, aber sein Versteck wurde letztlich nicht gefunden. Nach Abschluss seiner Arbeiten fuhr der Erzähler über Land. Er mietet sich ein Zimmer und schläft. „Lang. Am Morgen riss ich das Fenster auf. Da sah ich die Mauer und dahinter den Garten.“ Aber Jim Morrison sah er nicht.

Der Untertitel seines Romans „Vom Wunsch, Indianer zu werden“ (1994) lautet „Wie Franz Kafka Karl May traf und trotzdem nicht in Amerika landete“. Ein junger Mann (Kafka) und ein älterer Herr (Karl May) und eine für den Herrn zu junge Dame (Herzle) wagen eine Seefahrt. Nach New York. Aber nach der Ankunft geht es diesem Kafka wie Karl Rossmann in Kafkas „Amerika“-Roman. Das Labyrinthische an Henischs Texten ist, was literarische Bildung angeht, nicht vollkommen voraussetzungslos.

Gleichzeitig ist er ein Wiener, absolut lokalisierbar, weshalb es auch Texte mit eindeutigem Lokalkolorit von ihm gibt, zum Beispiel eine Recherche über den „Barobkarl“ (1972), einen Obdachlosen von Format, vielleicht Henischs Antwort auf Qualtingers „Herr Karl“. Aber auch seine Stadtrecherchen machen keinen Österreich-Beschimpfer oder Wien-Verächter aus ihm, seine Munition bleibt das Fragezeichen.

Henisch gilt als Sonderfall der österreichischen Literatur, der sich in „Die kleine Figur meines Vaters“ (1975/2003) mit der NS-Vergangenheit seines Erzeugers auseinandersetzte. Jetzt – Ende August siebzig geworden – hat er einen Roman über die Liebe vorgelegt. „Mortimer und Miss Molly“, keinesfalls ein Alterswerk, sondern so unverfroren wie eh und je, was schon der erste Absatz beweist. „Die Geschichte könnte damit beginnen, dass Mortimer vom Himmel fällt. Ein Fallschirmspringer, der im Zentrum des Renaissancegartens landet. Dieser Renaissancegarten ist geometrisch gestaltet, sechs von Hecken gesäumte Trapeze umgeben ein kreisförmiges Zentrum. Radius: Nicht mehr als fünf Meter. In diesem Zentrum landet Mortimer. Steht Miss Molly am Fenster? Zweifellos wäre das eine schöne Szene.“ Schon am Anfang ist alles Vermutung. Und gleich schiebt sich das erste Fragezeichen in den Text.

Mortimer wurde im Frühling 1944 mit seinem Jagdbomber von der deutschen Flak abgeschossen, rettete sich mit dem Fallschirm und fand sich in dem kleinen Ort San Vito in der Toskana wieder, heimlich aufgenommen von Molly, einer englischen Gouvernante der berühmten Adelsfamilie Bianchi. Hat sich die schüchterne, allein lebende Molly daraufhin auf eine Liebesgeschichte mit einem Bomberpiloten eingelassen, der Hemingway zum Verwechseln ähnlich sieht? Darüber spekulieren Marco aus Turin und Julia aus Wien, zwei Toskana-Touristen, die einander liebend zugetan sind. Marco will statt Arzt Filmemacher werden, und so erfinden sie sich eine Geschichte für ein Drehbuch über Mortimer und Molly, um damit zugleich ihre eigene Liebesgeschichte zu entfalten. Erzählend machen sie sich Mut.

Das alles stimmt schon irgendwie, sagt aber über den Roman nicht viel, nichts über diese unerhörte Leichtigkeit des Erzählens, seine sommerliche Welt, über die immer wieder Gewitter hereinbrechen, wobei Henischs ironische Distanz wie ein Blitzableiter wirkt. Da ist wieder dieser romantische Garten, in dem Mortimer erscheint wie Morrison in seinem Versteck, und eine Liebesgeschichte, die nur vermutet ist, und wenn es Belege gibt, könnten sie Fälschungen sein, vielleicht von Marco selber, weil er die Liebe finden will, und für seine eigene Geschichte nach dem Beweis ihrer Möglichkeit sucht. Aber ist denn eine so blaustrümpfige Gouvernante wie Molly zu einer richtigen Liebesbeziehung mit einem in Amerika verheirateten Hemingway-Lookalike überhaupt fähig?

Festzustehen scheint, in Bedrängnis liebt es sich leichter. Mortimer und Molly sind bedroht von der Gewalt des Krieges und den Wirrnissen der Politik, da ist für Beziehungskisten-Getue kein Platz, was Marco und Julia in ihrer späteren Fernbeziehung zwischen Turin und Wien kräftig ausleben, inklusive einer befürchteten bösen Schwiegermutter.

Aber bevor man das Buch so erzählt, als setze es auf die Verbreitung grundsätzlicher, sehr seriöser Erkenntnisse über die Liebe, muss man an das handelnde Personal erinnern: ein Bomberpilot, ein Blaustrumpf, eine Julia, ein Möchtegern-Künstler und eine Schwiegermutter. Da wäre es im Normalfall bis zur Klamotte nicht weit. Im Hintergrund die Hügel der Toskana und eine Dorfbevölkerung wie aus einer Langzeit-Dokumentation. Aber das ist eben diese Schule der Unverfrorenheit, die Henisch zu seinen Drahtseilakten abheben lässt. Eines jedenfalls scheint sicher: Seine viel gerühmte Leichtigkeit ist nicht nur ein genialer Zug oder eine stilistische Volte. Es steckt viel Melancholie in Henischs Art zu schreiben. Sie zeigt uns: So leicht könnte alles sein. Um dann natürlich die Frage nachzuschieben. „Könnte es?“- und schwer ist schließlich leicht was.

Der stets zurückhaltende Peter Henisch mit Zweitwohnsitz in der Toskana ist viel geehrt und auch ausgezeichnet worden. Dabei hat man zu sehr auf das Artistische, Spielerische, Tänzelnde geachtet. In seiner wahren Dimension scheint er noch nicht erkannt worden zu sein. Er ist einer der großen Dichter Österreichs.

Peter Henisch: Mortimer & Miss Molly: Umso schlimmer für die Wirklichkeit

Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Liebe und Illusion gehen gern Hand in Hand. Doch oft folgt dem Liebestraum die Ernüchterung. Das müssen auch die Liebenden in Peter Henischs jüngstem Roman irgendwann erfahren. In „Mortimer & Miss Molly“ trifft in einem Sommer in den achtziger Jahren der Turiner Marco, der gerade sein Medizinstudium beendet hat, aber lieber Regisseur werden möchte, in Siena die Wiener Kunsthistorikerin Julia, die dort Italienisch lernt. Die beiden verlassen die Stadt, landen in einem Dorf in der Crete und beschränken ihren Radius zunächst auf die Kuhle eines Hotelbetts, wo sie sich in der Sprache Frischverliebter verständigen, die ohne viele Worte auskommt.

Wenn von Marco gesagt wird, er würde lieber Filme drehen, so ist das kein unbedeutendes Detail. Peter Henisch, Autor zahlreicher Romane und Gedichte, Musiker und Mitbegründer der Zeitschrift „Wespennest“, der heute siebzig wird, führt in „Mortimer & Miss Molly“ neuerlich vor, wie virtuos er Handlung und Konstruktion seiner Romane miteinander zu verzahnen weiß, dabei feine Anspielungen an Mythen, Filme und Literatur einwebt, erzähltechnisch versiert, leichthändig und unaufdringlich einer märchenhaften Unmittelbarkeit entgegensteuert, um das Erzählte in seiner Gestaltetheit umso intensiver nachhallen zu lassen.
Amerikanischer Soldat trifft englische Gouvernante

„Mortimer & Miss Molly“ beginnt wie ein Film oder ein Theaterstück, bei dem ein Scheinwerfer einen Kreis aus Licht auf die dunkle Bühne wirft. Die Bühne ist in diesem Fall ein in dem fiktiven Dorf San Vito gelegener, geometrisch gestalteter Renaissancegarten namens Horti Valentini, den der Toskana-Liebhaber Henisch den Horti Leonini in San Quirico d’Orcia nachempfunden hat. Mortimer Mellows, ein amerikanischer Soldat, muss 1944 mit seinem Fallschirm in der kreisförmigen Mitte des Gartens notlanden, nahe dem Haus, in dem Miss Molly, die englische Gouvernante einer reichen italienischen Familie, seit Jahren lebt.

Doch all das ist vielleicht nur Phantasie, was Henisch kenntlich macht, indem er, ähnlich wie Raymond Federman in „Eine Liebesgeschichte oder sowas“, den Konjunktiv wählt: „Die Geschichte könnte damit beginnen, dass Mortimer vom Himmel fällt.“ Was für ein erster Satz, in dem jemand als deus ex machina und fallender Engel zugleich in die Handlung plumpst. Mortimer versteckt sich bei Molly vor den deutschen Besatzern, und die beiden erleben die göttlichen und irdischen Momente der Liebe.
Phantasie der Geschichte beflügelt die der Liebenden

Marco und Julia erfahren all dies aus dem Mund Mortimers, der eines Abends vor ihrer Zimmertür steht und ihnen von der Vergangenheit zu erzählen beginnt. Doch ehe die Geschichte über die Liebe „im Widerstand gegen die Zeit“ zum Ende gekommen ist, verschwindet er – und bleibt es. Das Erzählte hat sich aber in Julias und Marcos Kopf festgesetzt. Sie fassen den Plan, ein Drehbuch zu schreiben, das ausspinnt, wie es weitergegangen sein könnte. Ihre Phantasie befeuert auch ihre Liebe. Sie treffen sich wieder, reisen jeden Sommer nach San Vito, um mit Mortimers und Mollys Liebesgeschichte ihre eigene immer neu zu beleben, bis die Frage, ob sich die „periodische Sommerliebe in eine Liebe für alle Jahreszeiten“ verwandeln ließe, drängend im Raum steht.

Die dräuende Krise bricht schließlich aus im Streit über die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion, über die Frage, ob Mortimer die beiden auf eine falsche Fährte gelockt hat. Ein alter Arzt aus dem Nachbardorf zeigt sich amüsiert, als Marco und Julia ihm von Mortimer und Miss Molly erzählen. Die beiden ein Paar? Unmöglich! Marco schenkt schließlich dem Arzt Glauben. Die Wirklichkeit sehe eben anders aus, als Julia und er sie sich ausgemalt haben. Wenn Julia mit einem wütenden, hegelianisch gefärbten „Umso schlimmer für die Wirklichkeit“ kontert, um am Ideal einer erfüllenden und erfüllten Liebe festzuhalten, ist sie darin ihrem Schöpfer nicht unähnlich.
Kein Abfinden mit den Verhältnissen

Auch Henisch wendet sich im Schreiben gegen eine Auffassung von Wirklichkeit, die sich mit den Verhältnissen abfindet. In „Mortimer & Miss Molly“ dekliniert er in der Spiegelung zweier Liebesgeschichten Möglichkeitsformen der Liebe allerdings nicht durch, um der Wirklichkeit zu entfliehen, sondern um ihr etwas vom Zauber zurückzugeben, den sie verliert, wenn sie sich auf das Sicht-, Mess-, Plan- und Verhandelbare beschränkt und Traum und Utopie verrät.

Hallräume für Träume und Utopien eröffnen auch die zeitgeschichtlichen und literarischen Essays und Reden Henischs aus rund vierzig Jahren, die der Band „Außenseiter aus Passion“ versammelt. Sie zeigen den Autor in engagierter Auseinandersetzung mit dem komplizierten Wechselspiel von Wirklichkeit und Traum, von Begrenzung und Freiheit. Diese Fragen sind Gegenstand der Texte, in denen geliebte fiktive Gestalten wie Puh, der Bär, verehrte Künstler wie Mozart, Karl May, E. T. A. Hoffmann, oder Jim Morrison auftreten. Daneben findet sich Anekdotisches, etwa das Erlebnis mit einem Frankfurter Taxifahrer, dem 1995 auf Henischs Frage nach einem Buch eines österreichischen Schriftstellers lediglich Hitlers „Mein Kampf“ einfällt.
Cleverer Menschenfreund

Doch zynisch geht es bei Henisch nie zu. Stattdessen durchzieht seine Texte eine freundliche Ironie, die er als „ästhetisch produktive Haltung gegen den Tod“ begreift. Aufschlussreich auch seine Reflexionen über eigene Romane, darunter der bekannteste „Die kleine Figur meines Vaters“ (1978), der mit Blick auf Fotografien und auf Grundlage von Interviews rekonstruiert, wie Walter Henisch, Pressefotograf und Kriegsberichterstatter im Zweiten Weltkrieg, Teil des nationalsozialistischen Propagandaapparates wurde, obwohl er sich neutral glaubte.

In diesem zeitgeschichtlich wichtigen Roman ist die Wirklichkeit zugunsten trauriger Selbsttäuschungsmanöver in den Hintergrund getreten. In „Mortimer & Miss Molly“ dagegen, so viel sei hier verraten, wird das Verhältnis von Wirklichkeit und Illusion im zwischen Be- und Entzauberung schwankenden, pointenreichen Finale in Lust und Lebensfreude aufgehoben: Marco und Julia könnten den Erzählfaden womöglich weiterspinnen. Indem der Roman vermittelt, dass auch Sprache der Liebe Nahrung sein kann, spiegelt sich in ihm zudem der liebende Blick seines Autors auf das eigene Tun.

Überleben und Überlieben.

Oliver Pfohlmann, Neue Zürcher Zeitung

Schon sein Sechzigster bescherte Peter Henisch die wohl unvermeidliche Frage nach dem «Alterswerk». Seinerzeit erinnerte der Jubilar den Interviewer daran, dass Autoren diesbezüglich ja bessere Karten als Sportler hätten. Und dass nicht wenige seiner Kollegen erst mit 60 so richtig in Schwung gekommen seien. Heute, ein Jahrzehnt und fünf Romane später, ist klar, dass sich das auch von diesem sympathisch stillen, feinen Wiener Romancier, Lyriker und Musiker sagen lässt, der Kennern seit langem als einer der grossen Epiker der österreichischen Literatur gilt.

Zu Henischs Siebzigstem liegen nun gleich zwei gewichtige Neuerscheinungen vor: neben seinem neuen Roman «Mortimer & Miss Molly» noch eine Sammlung seiner journalistischen Wortmeldungen, Essays, Reden und Interviews zu politischen, gesellschaftlichen und literarischen Themen aus den letzten vier Jahrzehnten. Letztere bestätigt eindrucksvoll, in welchem Masse Henischs Werk eine grosse Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte Österreichs darstellt. Als «wacher Zeitgenosse» schrieb der «Aussenseiter aus Passion» über die zunehmende «Verhaiderung» Österreichs, den Verlust an Sinnlichkeit in der Gegenwartsliteratur oder darüber, was Jim Morrison mit Johann Nestroy zu tun hat.
Anrührendes Denkmal

Fragt man nach dem verbindenden Element zwischen beiden Titeln, so lautet eine mögliche Antwort: Pietro und Bruna. Dieses gemeinsam in Harmonie alt gewordene Ehepaar, das lange Jahre irgendwo in der Toskana eine Bar führte, erinnerte den Autor an den Mythos von Philemon und Baucis, wie er 2003 in einem Essay schrieb. Im neuen Roman setzt Henisch dem Paar nun mit einem Gastauftritt ein anrührendes Denkmal. Und zeigt damit einmal mehr die für sein Werk von Beginn an kennzeichnende Verschränkung von autobiografischen Elementen mit Fiktion, man denke nur an den Roman «Eine sehr kleine Frau» (2007) über seine ihn in die Geheimnisse des Erzählens einweihende Grossmutter.

In «Mortimer & Miss Molly» bringt der Anblick von Pietro und Bruna den Erzähler zu der Einsicht, dass die Liebe «vielleicht etwas mit Widerstand zu tun hatte. Mit Widerstand gegen alle widrigen Umstände. Und letzten Endes mit Widerstand gegen die Zeit.» Man sollte diese Passage vor dem Hintergrund der nun vorliegenden Interviews lesen: In ihnen weist Henisch darauf hin, wie sehr der Tod «im Zentrum» seines Schreibens stehe und dass jede schöpferische Tätigkeit «ein Ankämpfen gegen den Tod» sei. Sind die Liebe und das Erzählen bei Peter Henisch also zwei nahe Verwandte, ja im tiefsten Grund sogar identisch?

Dieser Schluss drängt sich einem angesichts des neuen Romans geradezu auf. Er erzählt eine doppelte Liebesgeschichte. Und während sich die eine Liebe, die der Titelfiguren Mortimer und Miss Molly, vor allem gegen die äusseren Umstände behaupten muss, so die andere, die von Julia und Marco, die vier Jahrzehnte später ihren Anfang nimmt, gegen die Zeit selbst. Anfang der achtziger Jahre gelangen die Wiener Psychologiestudentin Julia und der angehende Mediziner Marco, der lieber Filmemacher würde, liesse seine Mutter ihn nur, eher zufällig in das südtoskanische Dorf San Vito. Sie haben sich gerade erst kennengelernt – nicht mehr als eine vergängliche Sommerliebe, wie es scheint, die Henisch in prägnant-melodischen Sätzen voller Sinnlichkeit beschreibt.
Mortimer und Miss Molly

Dann aber begegnen sie eines Abends dem einzigen anderen Gast in ihrem Hotel, einem alten Amerikaner, der wie Hemingway aussieht und seit vielen Jahren nach San Vito kommt. Dieser Mortimer Mellows aus Minnesota erzählt ihnen, wie einst im Mai 1944 sein Jagdbomber über San Vito – und damit hinter der Front – von den Nazis abgeschossen worden sei und er mit seinem Fallschirm mitten im nahe gelegenen Renaissancegarten gelandet sei. Und wie ihm dort die englische Gouvernante einer wohlhabenden italienischen Familie, Miss Molly, die Tür ihres heckenumrankten Häuschens an der Gartenmauer öffnete, um ihn zu verstecken.

Es sei der Beginn einer ungewöhnlichen Liebe gewesen, behauptet Mortimer, deren weitere Schilderung er dem jungen Paar für den folgenden Abend verspricht. Dazu aber kommt es nicht mehr, anderntags ist der Amerikaner verschwunden. Und von den Dorfbewohnern scheint niemand etwas über Mortimer und Miss Molly zu wissen. «E allora?, sagte Marco. Was machen wir jetzt mit ihnen? / Wir fühlen uns ein, sagte Julia. Wir versetzen uns in ihre Haut.» So beginnen die beiden, fasziniert von der starken Anfangsszene und dem magischen «giardino», ihr Projekt – versuchen mittels ihres Möglichkeitssinns und ihrer Empathie herauszufinden, wie es mit Mortimer und seiner Miss Molly weitergegangen sein könnte, als Stoff für Marcos ersten Film.

Dieser wird, so viel sei verraten, nie gedreht werden. Und doch wird dieses Projekt dieser jungen Liebe Dauer verleihen, für einige Jahre zumindest, in denen Julia und Marco immer wieder nach San Vito kommen und ihre Geschichte weiterspinnen. Bis irgendwann die Widrigkeiten einer Fernbeziehung und Marcos dominante Mutter übermächtig werden. Bis dahin – und vielleicht eines Tages ja wieder? – leben seine Protagonisten vor, was Peter Henisch zeitlebens vertreten hat, den kunstfeindlichen Provokationen seiner Generation, der 68er, zum Trotz: dass Literatur etwas «mit Befreiung zu tun haben sollte, mit Freiheit, auch mit Freiheit der Phantasie», wie er es einmal in einem seiner Interviews formulierte.
Vorbild, Nachbild

Damit bietet der neue Roman aber auch die Umkehrung zu der berühmten, eine Flut von Vater-Sohn-Geschichten initiierenden Kernaussage von Peter Henischs Romandebüt «Die kleine Figur meines Vaters» (1975): «Was du mir vorgelebt hast, mag ich nicht nachleben.» Nur: Wer ist hier Vor-, wer Nachbild? Wenn sich Julia und Marco vorstellen, und nicht nur vorstellen, wie sich Mortimer und Molly einst zum «Überleben und Überlieben» vor den Nazis in einem verfallenen Haus am Fluss versteckt und dort geliebt haben könnten – spielen sie diese Szene dann nach oder für ihr Filmprojekt einander vor? So kommt es in Henischs Roman zu einer aufregenden Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft, für die der steinerne Januskopf im Renaissancegarten symbolisch steht. Und die noch dadurch verstärkt wird, dass auch der Erzähler, der mit seinen Voraus- und Rückblicken gekonnt immer wieder die Leselust anfacht, die Geschichte von Julia und Marco im Möglichkeitsmodus erfindet.

Endlich wieder eine Liebesgeschichte

Heinrich Steinfest, Stuttgarter Nachrichten

Als ich kürzlich in Wien war, wo Peter Henisch seinen 70er feierte und ich ganz spontan Leute auf diesen Autor ansprach, ohne zu wissen, ob sie seine Bücher kennen oder lesen, kamen Äußerungen in der Art von „Ach, den hätte ich für jünger geschätzt!“ oder „Ach, der lebt noch!“. Wie auch immer, in Wien ist der Mann schon lange eine Legende, eine „Figur“, jemand, den man kennt, den Namen nur oder seine Bücher ebenso. In Deutschland hingegen kann schon geschehen, daß selbst Buchhändler fragen, wer das denn sei. Da ist sie halt wieder, die Grenze zwischen A und D, in deren Maschen manches steckenbleibt, was nicht steckenbleiben sollte, anderes durchschlüpft, was sich verfangen sollte. Nein, ich möchte nicht über Hansi Hinterseer sprechen. Sondern über das neue und ganz wunderbare Werk von Peter Henisch, der durchaus immer wieder vom deutschen Feuilleton gewürdigt wird, auch zweimal für den Deutschen Buchpreis nominiert war, aber den Lesern in deutschen Landen noch viel zu wenig ein Begriff ist. Dabei liest er sich – und in diesem Fall ist es ein Kompliment – ganz leicht.

Manche Unkenntnis mag auch mit dem recht austriakischen Hintergrund vieler seiner Geschichten zusammenhängen, diesmal ist es sicher anders. Die Erzählung beginnt in Italien und spielt in Italien, im Frühling 1944, im Zentrum eines Renaissancegartens, als dort ein amerikanischer Pilot mit seinem Fallschirm landet. In einem Garten, der die Form eines gleichschenkeligen Dreiecks besitzt. Oder eher die eines Deltoids? Er ist aus einem Jagdbomber gesprungen. Einer P-40 oder einer P-47? Solche Unklarheiten ergeben sich immer wieder – Siena oder Grosseto? Mai oder Juni? War unter den Katzen nicht auch ein Hund? –, doch die vielen Oders und Vielleichts und die Korrekturen mitten im Satz schaffen mehr eine Ruhe als ein Chaos. Die Fakten sind unscharf, aber die Feststellung von Uneindeutigkeiten glasklar. Und die Figuren unverwechselbar. Immer wieder fügen sich in den deutschen Text die originalen Aussprüche, in Italienisch, Französisch oder Englisch, mal direkt, mal indirekt übersetzt, mal ohne Übersetzung, mal kommentiert. Nie affektiert, immer verständlich. Die Sprachen klingen. „Una persona un po‘ fuori dal tempo, sagte Paolo. Eine Person etwas aus der Zeit? Mit anderen Worten: eine etwas anachronistische Figur? Aber wenn man es so übersetzte, ging die ganze Poesie des Satzes verloren.“ – So erklärt Henisch die Bedeutung des Satzes und leitet den Leser dann doch wieder zum so viel musikalischeren Original.

Der amerikanische Soldat Mortimer Mellows landet also in einer geometrisch geordneten Gartenmitte und landet unter den Augen der englischen Gouvernante Mary Kinley, genannt Miss Molly. Er sucht Deckung und findet solche in einem Haus in der umgrenzenden Mauer, flüchtet sich unter ein Gewölbe, welches Henisch als „Miss Mollys nach unten verlängerter Rock“ definiert und Miss Molly als „Mortimers Schutzmantelmadonna“ kennzeichnet. Diese nicht mehr ganz junge Madonna, sagen wir Mitte vierzig, wird Mortimer in damenhafter Manier retten. Wobei sie von der Maxime ausgeht, zu Fremden nett und freundlich zu sein, weil es sich schließlich um getarnte Götter oder Engel handeln könnte. (Oh ja, auf diese Idee sollten wir alle mal kommen.)

Vierzig Jahre später begegnet am selben Ort das Liebespaar Marco & Julia dem gealterten Mortimer Mellows, der ihnen bei einem guten Essen und viel Wein den Beginn dieser seiner Geschichte erzählt. Tags darauf ist er jedoch verschwunden, höchstwahrscheinlich als Resultat einer nicht verlängerten Aufenthaltsgenehmigung.

Der Erzähler Henisch wagt es also, auf Seite 58 seines Romans ausgerechnet jene Figur, die genau sagen kann, was geschehen ist, damals 1944, aus der Geschichte zu nehmen, eskortiert von zwei Carabinieris, vielleicht ein Stück nur, vielleicht bis nach Rom, wer weiß? Jedenfalls unauffindbar. Und darum also beginnen Marco und Julia, sich den Fortgang der Geschichte selbst auszudenken, inspiriert vom Ort, von San Vito, inspiriert von der eigenen Liebe. Sie versetzten sich in die fremde Haut, fühlen sich ein. Peter Henisch nennt es ein Buch, in welchem „exemplarisch über die Möglichkeit einer scheinbar unmöglichen Liebe reflektiert wird, Liebe als Wille und Vorstellung, auch gegen die scheinbare Übermacht der so genannten Wirklichkeit.“

Das erfundene San Vito zeichnet einen realen, in der Toskana gelegenen Ort wieder, der sich hier wie in einem leicht bewegten See spiegelt. Und es ist eine schöne Übereinstimmung, daß der wirkliche Ort über eine Kirche (Collegiata) verfügt, die ursprünglich dem heiligen Vito geweiht war. Ein Märtyrer und Nothelfer, der über dieser Geschichte wacht.
Durch dieses Buch spaziert ein Wie es hätte sein können mit einem Wie es gerade ist und einem Wie wir uns erinnern, daß es war, ohne daß dies aber einen Widerspruch oder ein kratzbürstiges Nebeneinander ergeben würde. Vielmehr resultiert daraus eine Verschränkung des Realen mit dem Erdachten und Spekulierten – wie bei einem Strickmuster aus Traum und Wirklichkeit (wobei man nicht sagen möchte, was davon konkreter ist).

Es ist so überaus passend, daß der junge Medizinstudent Marco (der, wenn‘s halt gar nicht anders geht, sich auf Augenheilkunde spezialisieren wird), fortgesetzt darüber nachdenkt, wie diese Geschichte in einen Film umzusetzen wäre. Mit sich selbst als Regisseur. Die Fiktion materialisiert sich in imaginierten Filmsequenzen eines zukünftigen Augenheilkundlers. Und so mancher Leser wird angeregt sein, sich vorzustellen, welche berühmten Schauspieler die Figuren dieses Romans verkörpern könnten. Natürlich entsprechend dem Alter der Figuren im Buch. Ich würde mir für Marco (Klischee hin oder her) Marcello Mastroianni aussuchen, für die junge Wienerin Julia mit ihrem schönen Französisch logischerweise Romy Schneider, für die Gouvernante Miss Molly am besten Deborah Kerr und für den jungen Mortimer Gregory Peck beziehungsweise den alten Mortimer Albert Finney (mit Bart). Letzterer lebt sogar noch. Und man kann ja heutzutage aus alten Filmausschnitten neue Dialoge basteln. Wie auch immer, Peter Henisch könnte jedenfalls – siebzig Jahre jung – das Drehbuch zu diesem filmreichen und filmreifen Roman verfassen. Bis dahin aber kann man sein Buch lesen und im Kopf sich seinen eigenen Film drehen.

Mortimer & Miss Molly ist ein Liebesroman und eine im besten Sinne des Wortes leichte Lektüre. Wie etwa eine zauberische Vorspeise einen sättigt, sodaß man gerne auf einen schweren Hauptgang verzichtet. Große Kunst, die einem jegliches Völlegefühl erspart.

Liebe, Leid und Lust

Walter Grünzweig, Album – der Standard

Zu seinem 70. Geburtstag hat Peter Henisch einen komplexen Roman geschrieben, der zunächst wie eine unverfängliche Liebesgeschichte daherkommt. Das österreichisch-italienische Studentenpaar Julia und Marco verschlägt es zufällig nach San Vito, in ein Städtchen in der Toskana, das zum Ort ihrer sich entfaltenden Beziehung wird. Im Hotel treffen sie auf Mortimer, einen korpulenten alten Amerikaner mit Bart – il vecchio Hemingway -, der ihnen bei einem weindurchtränkten Abendessen eine unglaubliche Geschichte erzählt. Er sei im Frühjahr 1944 als junger Soldat bei einem Aufklärungsflug getroffen worden, konnte sich aber mit dem Fallschirm retten. Nach der Landung im Schlosspark von San Vito wurde er von der fast doppelt so alten englischen Gouvernante Miss Molly, die bei einer hochadeligen italienischen Familie arbeitete, versteckt – dies unter großem Risiko, denn San Vito war noch unter deutscher Besatzung.

Mortimer verspricht eine Fortsetzung der Erzählung, reist jedoch unter mysteriösen Umständen ab und überlässt es Julia und Marco, die Geschichte allein weiter- und, wenn möglich, fertigzuerzählen. Der Roman ist in der Hauptsache der Versuch des jungen Paares, sich mithilfe seiner Fantasie in die Geschichte von Mortimer und Molly hineinzufühlen. Im Laufe von fünf, sechs Sommern, die sie immer wieder in San Vito verbringen, versuchen sie, das Ganze in ein Drehbuch für einen möglichen Film zu verarbeiten. Die Rekonstruktion und Interpretation der Geschichte – das ist Henischs gelungener erzählerischer Kunstgriff – ist dabei gleichzeitig auf das Engste verbunden mit Julias und Marcos eigener, wechselvoller Beziehung.

Es beginnt damit, dass San Vito offensichtlich ein Spiritus Loci innewohnt, den sie für ihr sehr intensives Zusammensein brauchen. Treffen anderswo – in Verona, Turin oder Wien – fallen sexuell und touristisch katastrophal aus. Nur im renaissancedurchfluteten San Vito gelingt es ihnen, unter Ausklammerung ihrer sehr verschiedenen Lebenswelten, Herkunft und sozialen Erfahrungen, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Die Beschränkung bzw. Fokussierung auf das alte Städtchen und seine wild-idyllische Umgebung erlaubt ihnen – wie ihrer Vermutung nach auch schon Molly und Mortimer 40 Jahre zuvor – eine außerhalb zivilisatorischer Zwänge liegende Liebesbeziehung zu führen. Es ist vor allem das gemeinsame „Fantasiespiel“ der Erschließung der „Geschichte, die sich mit jedem Schritt, den sie ihr nachgingen, vor ihnen auftat“, das die Beziehung am Leben erhält. Als Marco, inzwischen Augenarzt mit Karrieredrang, die Vermutung aufstellt, dass sie sich die Liebesbeziehung ihrer Vorgänger nur eingebildet haben könnten, wirft Julia ihm vor, ein „Scheißrevisionist“ zu sein: „Du willst unsere Geschichte revidieren.“ Sein Bedenken, dass „die Wirklichkeit nun einmal etwas anders aussieht als die Illusion“, beantwortet sie: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit.“

Es handelt sich aber keineswegs um eskapistische Verweigerung bzw. eine fantasiereiche Flucht vor der Realität. Vielmehr geht es in Henisch‘ scher Manier um die Rettung vor sumpfiger Verbürgerlichung. Die Arbeit an der Geschichte von Mortimer und Molly, gibt dem jungen Paar Freiheit und Spontaneität, und es ist kein Wunder, dass Marco die Arbeit an ihrem Projekt aufgibt, als er glaubt, sich den Zwängen der „Wirklichkeit“ unterwerfen zu müssen. Als er die erotische Beziehung von Mortimer und Molly bezweifelt, bedeutet das für Julia das Aus für die Beziehung. Das letzte Wort ist allerdings nicht gesprochen – der Roman wartet mit einem überraschenden Ende auf.

Die Geschichte von Mortimer und Molly, die hier rekonstruiert wird, ist ganz und gar nicht harmlos. Es handelt sich um eine Liebesgeschichte im Krieg, mit Bomben, Partisanenerschießungen, verriegelten Sonderzügen aus Rom, die in die Vernichtungslager fahren. Auch Julias und Marcos Zeit weist politische Kontexte auf: Aldo Moros Entführung 1978 durch die Brigate Rosse etwa oder der neofaschistische Terroranschlag 1980 im Bahnhof von Bologna. 1944 ermöglicht die Ausnahmesituation in San Vito paradoxerweise die außergewöhnliche Erotik zwischen einem jungen amerikanischen GI und einer fast doppelt so alten Engländerin, aber es ist eine bedrohte, katastrophenumwehte, krisenhafte Idylle.

Stärker noch als sonst bei Henisch zeigt dieser Roman signifikante intertextuelle Bezüge. Die intensive körperliche Beziehung der kunst- und literaturverliebten Molly mit dem einfachen, aber sie anziehenden GI in einem verlassenen Holzhaus erinnert an D. H. Lawrence‘ Lady Chatterley-Roman, bei dem die Protagonistin den Zwängen ihres Standes zu entkommen sucht. Es finden sich Anklänge an und sogar wortwörtliche Zitate von Hemingway; der Name der Protagonistin Molly stellt eine Hommage an Joyce dar.

Am Schluss des Romans, der mit der totalen Sonnenfinsternis am 11. 8. 1999 zusammenfällt, erkennt man sogar eine Parallele zu Adalbert Stifter, dessen intensive Reaktion auf eine Sonnenfinsternis im Jahr 1842 im Text reflektiert wird. Das Ende der Himmelserscheinung in San Vito ist aber charakteristisch Henisch und gar nicht Stifter. Als die Sonne wieder am Himmel strahlt, sagt Marco: „Siehst du, wir haben sie wieder herbeigevögelt.“ Solche Bezüge sind nicht bloß literarische Spielereien für Wissende, sondern stellen eine Variante der Ästhetisierung mit durchaus politischem Hintergrund dar: Körperlichkeit und Naturerleben werden emanzipiert und wesentlich.

In einer verdinglichten, dem Zweckdenken absolut unterworfenen Welt hat die Zweckfreiheit politische Funktion. Mit seinem neuen Italien-Roman hat Peter Henisch eine intensive und prekäre Liebesgeschichte geschrieben, deren Lektüre Spaß macht und, man möchte es kaum glauben, Hoffnung vermittelt.

Mit dem Fallschirm ins Leben.

Thomas Rothschild, Die Presse

Ein Pilot der US-Army und eine englische Gouvernante treffen 1944 in der Toskana aufeinander: „Mortimer & Miss Molly“. Peter Henisch verschränkt die Geschichte der beiden mit jener von Marco und Julia, die sich 40 Jahre später dort aufhalten. Ein politischer Liebesroman.
Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken Vorlesen AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Im Jahr 1944 ist der amerikanische Soldat Mortimer mit einem Fallschirm abgesprungen und im Garten einer kleinen Stadt mit Namen San Vito im Süden der Toskana gelandet. Von ihrem Fenster aus hat Miss Molly ihn dabei beobachtet. 40 Jahre später wohnen Marco und Julia in dem schäbigen Hotel Fantini, von dem aus man in den Garten sieht, in dem Mortimer, unter dem Fenster von Miss Molly, gelandet war.
Wer passt zu mir?

In seinem neuen Roman „Mortimer & Miss Molly“ verknüpft Peter Henisch die beiden Geschichten von Mortimer und Miss Molly und von Marco und Julia, über die Zeiten hinweg und aus einer Perspektive, die das Geschehen der einen wie der anderen Geschichte in die Vergangenheit rückt. Er erzählt sie in einem leichten, einem spielerischen Tonfall, fast wie eine mündliche Rede, die er erfindet, während er spricht. Er korrigiert sich, sucht nach Erinnerungen und Worten. Manchmal verlangsamt er das Tempo, beschreibt eine Szene wie in Zeitlupe. Details erhalten Bedeutung, Genauigkeit wird zum Prinzip.

Peter Henisch erzählt die Geschichte, aber er ist nur zum Teil der Erzähler. Mortimers Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt der alt gewordene Mortimer zunächst selbst. Dramaturgisch geschickt bettet Henisch die Ich-Erzählung in den Rahmen ein, der mehr als bloß Anlass für Mortimers Rückschau ist. Die Andeutungen, die Henisch einstreut, ehe Mortimer nach 50 Seiten mit seiner eigenen Erzählung beginnt, erzeugen erwartungsvolle Spannung, ohne zu viel zu verraten.

Doch Mortimers Erzählung bricht sehr schnell ab. Da seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist, muss er buchstäblich über Nacht das Land verlassen. Marco und Julia müssen seine Geschichte, die Geschichte des amerikanischen Piloten und der englischen ehemaligen Gouvernante im Dienst einer italienischen Familie, nun auf eigene Faust recherchieren, und da sie damit nicht weit kommen, imaginieren. Marco, der lieber Filmregisseur als Arzt werden möchte, stellt sich, unterstützt von Julia, einzelne Szenen, Einstellungen, Übergänge vor. Das ist die Fiktion, denn natürlich ist es Peter Henisch, der die Geschichte erfindet. Und dahinter steht die Frage, die Literatur stets implizit stellt: Was ist die Wahrheit? Kommt es überhaupt auf sie an?

Peter Henisch ist, wie so viele, offenkundig in Italien, in die Toskana verliebt, von der Landschaft und dem Lebensgefühl verzaubert, aber selten wurden diese so präzise und zugleich beiläufig, unangestrengt beschrieben. Peter Henisch, den man sich aus irgendeinem Grund als ewigen Jugendlichen denkt, der aber in Wahrheit inzwischen das siebente Jahrzehnt vor sich hat, hatte zwar stets Humor, aber noch nie war er so heiter, schien das Ambiente so sonnendurchleuchtet wie in diesem Roman. Dabei geht es keineswegs nur fröhlich zu. Und selbst in jenen Passagen, deren Inhalt zu Sentimentalität verführen könnte, bleibt Henisch sachlich, nüchtern, fast scheu.

Das kann nicht ganz verhindern, dass sich die Liebesgeschichte zwischen Marco und Julia vorübergehend dem Klischee nähert, etwa so wie Richard Linklaters Film „Before Sunrise“. Das kann man mögen, man kann aber auch bedauern, dass man so lange auf die Fortsetzung der Mortimer-Molly-Handlung warten muss. Einmal sagt der Erzähler von Marcos Super-8-Kamera, dass er sie „während der folgenden Tage noch oft (und manchmal allzu oft) zum Einsatz“ gebracht habe. Diese Versuchung, alles festzuhalten, was es festzuhalten gibt, teilt Henisch mit seinem Helden. Manchmal wäre eine Ellipse für den Erzählfluss von Vorteil.

Im Übrigen verrät nichts das aktuelle Alter des Autors, der in Kürze einen runden Geburtstag feiert. Verdankt sich die Ausführlichkeit vielleicht dem Vergnügen, das ihm die Rückkehr in die (eigene) Jugend, jedenfalls beim Schreiben, bereitet? Der Roman hat acht Teile. Die ersten vier nehmen fast drei Viertel des Umfangs ein, die restlichen vier drängen sich im letzten Viertel. Henisch beschleunigt die Erzählung, rafft die Zeit innerhalb der Marco-Julia-Handlung, als fürchtete er, der Leser könnte die Geduld verlieren. Inzwischen kennt dieser San Vito recht gut. Man kann nicht auf die Dauer in Begeisterung schwelgen, nicht einmal über die Toskana, jedenfalls nicht bei der Lektüre eines Romans.

Freilich wäre Henisch nicht Henisch, wenn er sich in ein Idyll flüchtete, wenn er seinen politischen Verstand, der ihn durch sein gesamtes Werk begleitet hat, plötzlich in den Ruhestand versetzte. Der Wiener Autor, von dem man mit Fug und Recht sagen darf, dass er der österreichische Schriftsteller der Achtundsechziger-Generation par excellence ist, ist sich auch im Alter treu geblieben. Das macht ihn nicht nur sympathisch – es kommt seiner Literatur auch zugute. Sie wirkt in jeder Zeile redlich, authentisch, frei von Spekulation. Der Gedanke an das „Marketing“, das für viele Jüngere zum leitenden Ideal geworden ist, scheint bei Henisch nicht aufzukommen. Er war innerhalb der österreichischen Literatur immer ein wenig Außenseiter, und er ist es geblieben. Man kann ihn keiner Gruppe und keiner Schule zuordnen. Henisch ist immer nur Henisch.

Das Politische kommt manchmal ganz beiläufig daher, nebenbei, und dann umso wuchtiger. An einer Stelle wird ein Bauer erwähnt, ein Busnachbar Mollys: „Ihn haben die Faschisten nicht mehr in den Krieg schicken können, aber seine Söhne. Der eine ist in Afrika gefallen, der zweite ist in Russland erfroren, den dritten, der geglaubt hat, davongekommen zu sein, haben die Deutschenin irgendeines von ihren Lagern deportiert.“ Die Schrecken des Krieges und des Faschismus in einem Satz.

Nach diesem Auftritt verschwindet der Bauer aus dem Roman. Aber auch in diesem Buch thematisiert Henisch die politischen Erfahrungen seiner Generation, in einer Beschreibung etwa des Fests der italienischen kommunistischen Zeitung „Unità“ in San Vito. Würde man eine Liste der im Roman erwähnten Bücher und Filme zusammenstellen, erhielte man ein Leseprofil, das nichtnur auf Henisch, sondern auf viele Achtundsechziger passt.

An einer anderen Stelle steht ein Satz, den man Henisch als Motto zuschreiben könnte: „Dass Liebe vielleicht etwas mit Widerstand zu tun hatte.“ Er verbindet das Privateste mit dem Politischen, auch wenn „Widerstand“ im gegebenen Kontext gar nicht auf Politisches zielt. „Mortimer & Miss Molly“ ist ein Liebesroman (wenn man dabei nicht an Marlitt oder Courths-Mahler denkt) und ein politischer Roman in einem. Er ist ein Roman von Peter Henisch.

Spät, sehr spät kommt ein Doktor Tozzi ins Spiel. Er scheint der Geschichte eine ganz neue Richtung zu geben. Aber davon soll nichts verraten werden. Das wäre Spielverderberei.

Philanthropische Erzähler wie Peter Henisch sind rar geworden.

Sebastian Fasthuber, Salzburger Nachrichten

Mit einem Absturz beginnt das neue Buch Peter Henischs. Ein Fallschirmspringer landet in einem wunderschönen Renaissancegarten in einem kleinen toskanischen Ort. Ein idyllisches Bild? Nicht ganz, denn man schreibt das Jahr 1944 und der Mann ist Pilot eines US-Bombers, der abgeschossen worden ist. Liebe in Zeiten des Krieges: Eine Frau beobachtet vom Fenster aus den Fallschirmspringer und versteckt ihn bei sich. Obwohl diese als Gouvernante in Italien hängen gebliebene Engländerin viel älter ist als der Soldat, entwickelt sich etwas zwischen den beiden.

„Mortimer & Miss Molly“ ist keine einfache, sondern eine doppelte und auch noch verzwickte Liebesgeschichte. Denn Henisch verknüpft die Geschichte der beiden mit der eines jungen italienisch-österreichischen Liebespaars: Marco aus Turin und Julia aus Wien urlauben 30 Jahre später in jenem toskanischen Ort und lernen den alt gewordenen Mortimer kennen. Eines Abends beginnt er, von sich und Miss Molly zu erzählen, am nächsten Morgen ist er verschwunden. Die beiden müssen sich ausmalen, wie die Geschichte Mortimers und Miss Mollys weitergegangen sein mag.

All das lässt sich auch als erzählerisches Credo des Autors lesen, als ein Spiel mit den Möglichkeiten und eine Feier des Erzählens. Es gibt heute kaum jemanden sonst, der einen Text derart virtuos aufzubauen versteht wie Peter Henisch agiert im neuen Roman „Mortimer & Miss Molly“ erneut auf der Höhe seiner Kunst. Heute, Dienstag, feiert Peter Henisch seinen 70. Geburtstag. Viel Aufhebens will er nicht darum machen. Nicht dass es ihm unangenehm wäre, „das dreißigste Jahr“, mit dem Ingeborg Bachmann einst das Ende der Jugend ansetzte, merklich überschritten zu haben. Aber ein runder Geburtstag bringt mit sich, den Blick in die Vergangenheit zu richten.

Peter Henisch ist viel zu sehr mit der Gegenwart beschäftigt, um darin eine Verlockung zu erblicken. Beim Besuch in seiner Wiener Wohnung sieht er die Druckfahnen eines in Kürze erscheinenden Sammelbands mit Artikeln, Essays und Reden durch. Und in Gedanken befindet er sich immer noch in seinem jüngsten Roman „Mortimer & Miss Molly“, der soeben veröffentlicht worden ist.

Über die Jahre ist er wahrscheinlich der beständigste österreichische Autor. Er versteht sein Handwerk als Erzähler und er verfügt über eine treue Leserschaft. Den Erfolg hat der Mann, der sich stets von literarischen Moden fernhielt („Außenseiter aus Passion“ wird erwähnter Essayband auch heißen), aber nie gefeiert. „Macht nichts, sonst wäre ich höchstens satt geworden“, sagt er. „Man muss nur wissen, worauf man sich als Autor einlässt. Mir ist die Bezeichnung freischwebender Schriftsteller lieber als freier Schriftsteller, denn man kann jederzeit abstürzen.“

zurück zuRezensionen-Interviews