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Großes Finale für Novak

Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung (Literaturbeilage zur Buchmesse)
Walter Grünzweig, der Standard 10.09.2011
Rainer Moritz, Die Presse 1.10.2011
Michaela Schmitz, Deutschlandfunk 30.11.2011
Thomas Jorda, Interview in BESTE SEITEN, Extrablatt der österreichischen Zeitungen und Magazine zur Buch Wien 11
Günther Eisenhuber (der das Buch lektoriert hat) interviewt seinen Autor (Residenz Magazin)
Cornelius Hell, Einleitung zur Präsentation im Theater(café) an der Wien
Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten
Sebastian Fasthuber, Now! 28.11.2011

Im Gefühlskraftwerk klassischer Musik

Beate Tröger, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wie Franz und Herta wurden, was sie sind: Peter Henisch erzählt tragikomisch vom Ende einer alten Ehe.

Sie heißen Franz und Herta. Nicht etwa Loriot hat sich die Namen für dieses Ehepaar ausgedacht, sondern Peter Henisch. In seinem jüngsten Roman erzählt er von Franz Novak, bei der Post angestellter Mittfünfziger, und dessen Frau Herta, wenig jünger und Betreiberin eines dörflichen Friseursalons. In über dreißig Jahren haben Enttäuschungen und Missverständnisse ihre Ehe mit Mehltau überzogen. Zumindest der duldsame Franz scheint sich, briefmarkensammelnd und von Höherem träumend, damit abgefunden zu haben.

Doch eines Tages bringt ein kleiner Stein eine Lawine aufgestauter Gefühle ins Rollen. Ein Gallenstein läßt Franz nicht nur auf einen lautstarken Zimmernachbarn treffen, sondern auch auf die indonesische Krankenschwester Manuela mit der sanften Stimme, die ihm ein probates Mittel gegen den volksmusikhörenden Schnarcher im Nebenbett zur Verfügung stellt: einen Kassettenrekorder mit Kopfhörern, dazu eine Sammlung von Opernarien. Ausgerechnet diese musikalische Gattung, die nicht nur bei Novak im Ruch des Dünkelhaften steht, wirft in Kombination mit Manuelas schwesternkittelverhüllter Erotik den am Lärm Leidenden endgültig aus der Bahn. In Verbindung mit einer zarten Abschiedsberührung von Manuelas Brust, die Henischs tragikomische Hauptfigur womöglich nur erträumt hat, versperrt die erwachende Leidenschaft für die Oper den Rückweg in sein altes Leben.

Mit der Figur der Herta, ihrer schrillen Stimme, ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit, ihren Tiraden gegen die neue musikalische Leidenschaft ihres Gatten, ihren ausländerfeindlichen Intrigen gegen die Krankenschwester, mutet Henisch nicht nur Novak, sondern auch seinen Lesern einiges zu. Bitterböse könnte man die Zeichnung dieser Frau nennen, fast schablonenhaft altherrenkriselnd auch Novaks späten Ausbruch, schiene nicht in dem wechselweise die Innensicht der Figuren abbildenden Erzählen hin und wieder auf, dass das Leben selbst Herta und Franz zu dem hat werden lassen, was sie sind. Weniger die grosse Katastrophe als eine Kette von kleinen haben das Ehefaß zum Überlaufen gebracht.

Peter Henisch, der seit Jahren leichthändig und hintersinnig mit akribischem Blick für die Verästelung der Psyche seiner Figuren erzählt, erspart diesem Paar nichts. Doch „großes Finale für Novak“ ist auch eine Hommage an die Oper. Bearbeitet würde ein hervorragendes Libretto daraus: Zum garstigen Hin und Her zwischen Franz und Herta, zu der zarten Zuneigung zwischen Franz und der Krankenschwester, die von Herta genauso brutal zertrennt werden, wie sie ihrem Franz beim Hören einer Oper den Stecker aus der Steckdose reißt – zu all diesen Szenen wären Trompeten-, Pauken- und Streicherklänge, spitze Sopran- und tiefe Bass-Arien denkbar. Dabei gleitet Henischs Ton nie ins Pathetische ab, die Nuancen ergeben sich aus der Genauigkeit des Erzählens.

Aufgeräumt wird auch mit Vorurteilen gegen die Oper, die am Ende den einzigen Sieg davonträgt. Immer mehr Verschüttetes holt sie aus Novak hervor, wirkt be- und entzaubernd. Über diese Erlebnisse geht die wundersame Wirkung des Klangs, die Peter Henisch schon in „Eine sehr kleine Frau“ beschworen hat, unweigerlich auch auf den Leser über.

Töne rütteln Leben durch

Walter Grünzweig, der Standard

Genau darauf musste man doch seit einiger Zeit vorbereitet sein: Nachdem drei oder vier Jahrzehnte lang der klassische kulturelle Kanon ‚hinterfragt’ worden war, bis er nicht nur nicht mehr gültig war, sondern vor allem nicht mehr gelesen, gehört und gesehen wurde; nachdem man stattdessen die gesellschaftlich ‚relevante’ Alternativ- und Populärkultur insbesondere in der Musik zum unumschränkten Leitmedium ausgerufen hatte und damit wissentlich oder unwissentlich der konsequenten Kommerzialisierung und ästhetischen Verflachung Vorschub leistete, begegnen wir nun im neuen Roman von Peter Henisch ausgerechnet der Oper als Trägerin einer neu entstehenden Gegenkultur.

Zentrale Figur dieser Kulturrevolution ist, nur Henisch ist solches zuzutrauen, ein niederösterreichischer Postler. Nach einer Gallenoperation – das Organ verweist auch auf Franz Novaks Lebensstimmung – hält er die Geräusche seines Zimmernachbarn nicht mehr aus und wird von einer mitfühlenden philippinischen Krankenschwester mit Kassettenrekorder und Opernmusik versorgt. Langsam, aber sehr konsequent nähert er, für den „der Kontinent Oper bis dahin ein weißer Fleck auf seiner Landkarte“ war, sich dieser Musik; ihre Wirkung jedoch ist „nachhaltig“. Dass die musikalische Erfahrung des 55-Jährigen auch mit der Aura der jungen Schwester zu tun haben könnte, die, ganz sicher kann man sich da nicht sein, Novaks Hände zum Abschied möglicherweise an ihre Brust geführt hat (ein extrem sparsamer und gerade dadurch sehr suggestiver sexueller Moment, wie er bei Henisch immer wieder mal auftaucht), erscheint klar. Aber es wäre ein Fehler, Oper und Erotik auseinander zu dividieren, denn nur zusammen entwickeln sie in diesem Roman ihre überraschende Wirkung.

Deutlich wird die subversive Konsequenz der musikalischen Großform jedoch erst nach Novaks Entlassung aus dem Krankenhaus und seiner Rückkehr in die Ehe – in einem ausgebauten Schrebergartenhaus an der Peripherie der Wiener Peripherie. Denn Ehegattin und Friseuse Herta kennt angesichts der neuen, alternativen Anwandlungen ihres bald auch zwangsfrühpensionierten Gatten keinerlei Pardon. Sie entnimmt ihre Lebensphilosophie den Illustrierten ihres Salons, ihre radikale ausländerfeindliche Einstellung dem Boulevard und ihre Klischeehaftigkeit und extreme Konventionalität ihrer kleinbürgerlichen Umgebung. Ihre unerträglich schrille Stimme – sie steht in ironischem Gegensatz zu den hohen Lagen der Oper – wird entscheidend zu den Gallensteinen ihres Mannes beigetragen haben. In Herta Novak begegnen wir einer Figur, deren bösartige Konsequenz fast schon unfair ist, auch wenn sich der Roman (vergeblich) bemüht, hin und wieder auch ihre Sicht der Situation zu zeigen. Schlimm, dass diese Haltung kulturell nicht nur zur deutschsprachigen Schlagermusik passt, sondern dass auch Tina Turner und Joe Cocker in diese Welt assimiliert werden können.

Nicht assimiliert werden jedoch kann die Oper. Für Herta Novak ist diese Musik „abartig“ (!), ihr Mann ist auf „Irrwege“ geraten und es muss ihm daher geholfen werden. Die Callas ist eine „Millionärsschlampe“, deren Stimme zu Recht abhanden gekommen sei – „warum hatte sie auch so hoch singen müssen?“ Ganz richtig vermutet sie, dass ihr Mann sich an diesem „Geschmettere und Gegirre, das sie aufs Blut nicht ausstehen konnte“, regelmäßig „aufgeilen“ würde. Ihre Gegenmaßnahmen fokussiert sie mit xenophober krimineller Energie auf die philippinische Krankenschwester, die aufgrund dieser Verleumdungen ihre berufliche Existenz und ihre Aufenthaltsberechtigung verliert.

Dies alles bestärkt jedoch den Postler Novak – „der Neue“ – auf dem Weg zum neuen Menschen. Er weigert sich, den inzwischen verhassten Garten auf „anständige“ Weise zu mähen und verwendet stattdessen eine alte Sense. War er bislang ein hilfloser „Ehekrüppel“, so bricht er nun aus den kleinbürgerlichen Zwängen aus, um der „Gattinnenliebe zu entgehen“. Spät aber doch entdeckt er, dass er nicht bloß ein sexueller Mensch ist, sondern vor allem auch über Leidenschaft und tiefe Sehnsucht verfügt – Letzteres ist ein Leitmotiv des Buchs. Dabei wird das Opernhören zur heiligen Handlung, im Unterschied zur „profanen“ Populärmusik, die ihm immer widerwärtiger wird.

Sicher geht es hier um midlife crisis, sicher auch um den Ausbruch des älter werdenden Kleinbürgers. Aber wenn Franz Novak sich aus dem Ex-Schrebergartenhaus mit dem Zettel „Liebe Herta. Ich glaube es ist richtiger so“ in eine Fremdenpension in Wien verabschiedet, um sich dort mit Kopfhörer und CD-Player voll und ganz der Oper zu widmen, kommt hier etwas Neues zum Vorschein, eine explosive kulturelle Kraft, die in der Lage ist, persönlichkeitsbildend zu wirken. Sie ist, so macht dieser Roman überzeugend klar, auch ein Gegengewicht zur bedrückend allgegenwärtigen Ausländerfeindlichkeit dieser österreichischen Lebenswelt, die dem Autor und Menschen Peter Henisch ein so wichtiges politisches Anliegen ist. Das feurige, tragikomische „Finale für Novak“, das hier sicherlich nicht verraten werden wird, steht damit symbolisch für das gesamte Buch – auch wenn der Schluss (wann eigentlich nicht bei Henisch?) zwiespältig bleibt.

Der Musikkritiker und Professor für Musikjournalistik Holger Noltze hat in seinem im vergangenen Jahr erschienenen, provokanten Buch Die Leichtigkeitslüge die These aufgestellt, dass die Hochkultur, insbesondere die Oper, aufgrund der populärkulturellen Simplifizierungswelle ihre Kraft verloren habe. Wenn man dem traditionellen Kanon wieder die Komplexität zuschreibe, die er verdient und auch erfordert, biete er dem flachen, durchkommerzialisierten Leben unserer Gegenwart große Chancen: Kultur muss wehtun dürfen! Diese an der Frankfurter Schule orientierte Möglichkeit der Hochkultur wird von Henischs außergewöhnlichem Roman quasi aus der Gegenrichtung bestätigt. Der Postler Novak kommt vollkommen unbedarft zur Oper, aber erarbeitet sich deren Komplexität und deren die Widerlichkeit der engen Welt überwindendes Sehnsuchtspotenzial ohne fachliche Anleitung – allein durch die Zuwendung der Krankenschwester und intensives Hören. Dieser autonome Weg zur kulturellen Bildung ist zunächst einmal romanhaft und auf keinen Fall ein Massenphänomen. Die Vereinigung von demokratischem und künstlerischem Anspruch ist jedoch erfrischend und lässt hoffen: Mit seiner detaillierten musikalischen Konkretheit kann das Buch sogar auch als Einführung ins große Musiktheater dienen. Großes Finale für Novak ist ein Roman der Oper mit einem Notausgang – einem Ausweg aus der Gefangenschaft im Kommerz und der damit verbundenen politischen Dummheit.

Im Bett mit der Oper

Rainer Moritz, Die Presse

30 Jahre hatten es Franz und Herta Novak miteinander ausgehalten. Und dann das. Über die Feinhörigkeit eines Früh
pensionisten: Peter Henischs „Großes Finale für Novak“ – Roman eines Opernliebhabers.

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass Ehen kein Leben lang halten und die Scheidungsquoten kontinuierlich steigen. Da die Literatur oftmals nicht umhin kommt, die sozialen Gegebenheiten der Gegenwart zu spiegeln, tummeln sich in ihr unentwegt Paare, die auf mehr oder minder unschöne Weise auseinandergehen. Um zu dem Entschluss zu gelangen, getrennte Wege zu gehen und das Sakrament der Ehe in Zweifel zu ziehen, bedarf es heute nicht mehr wie in „Madame Bovary“ oder „Effi Briest“ klandestiner Seitensprünge. Ob ein hochgejubelter Roman wie Charlotte Roches „Schoßgebete“, dessen Heldin danach trachtet, ihre Ehe mit variantenreichem Sex zu retten, Schule machen wird, darf bezweifelt werden. Sich nicht verstehende Paare und Patchworkkonstruktionen aller Art werden sich – diese wenig kühne Prognose sei gewagt – in der Literatur immer weiter verbreiten.

Dankbar nimmt man folglich wahr, dass Peter Henisch in seinem neuen Roman keine weitere Besichtigung jener Ehehöllen unternimmt, die Ingmar Bergman und seine Nachfahren so eifrig beschrieben haben. Gewiss, auch „Großes Finale für Novak“ handelt von der heftig endenden Zerrüttung einer Ehe. 30 Jahre immerhin hatten es Franz und Herta Novak miteinander ausgehalten, sich ein Schrebergartenhaus vor den Toren Wiens zum Refugium ausgebaut, einen mittlerweile ins Ausland entschwundenen Sohn großgezogen und sich nicht mehr und nicht weniger zu sagen als andere altgediente Eheleute.

Auslöser des jähen Sinneswandels ist ein Spitalsaufenthalt. In typisch männlicher Einstellung hatte der 55-jährige Novak Alarmsignale seines Körpers ignoriert, sodass er sich eiligst einer Gallensteinoperation unterziehen musste. Den Lärmbelästigungen eines Bettnachbarn entgeht der Patient nur dadurch, dass er sich bei einer jungen indonesischen Krankenschwester, Manuela Mandra, Kassetten mit Opernmusik und das dazugehörende Abspielgerät ausleiht. Fortan taucht Novak in die Welt von „La Traviata“ und „La Bohème“ ein – was ihn selbst überrascht, da er und seine Gemahlin dieses Musikgenre zuvor strikt abgelehnt haben. Novak entwickelt mit einem Mal eine „neue Feinhörigkeit“, begleitet von einer nicht nur platonischen Sympathie für die attraktive Pflegerin. Kaum ist er aus dem Spital entlassen, verändert sich seine Welt: Die Gemütlichkeit des Eigenheims stört ihn zunehmend; Rasenmähergeräusche vermag er nicht zu ertragen, sodass er das Grün vor dem Haus altmodisch mit einer Sense zu trimmen versucht, und die schrillen Vorhaltungen der Gattin tragen gleichfalls nicht zum Wohlbefinden bei. Diese ist geübt genug, um den neuen musikalischen Vorlieben ihres Mannes zu misstrauen und dahinter die Einflüsterungen einer Nebenbuhlerin zu wittern.

Als Novak zudem mitgeteilt wird, dass seine Stelle im Postamt einer Rationalisierung zum Opfer fällt und er sich auf ein Frühpensionistendasein einzustellen hat, geraten die jahrelang eintrainierten Abläufe im Hause Novak komplett durcheinander. Während Herta wie zuvor ihren mäßig florierenden Friseursalon betreibt, nutzt Franz seine neue Freiheit aus, unternimmt Wanderungen und arbeitet sich, während seine Gedanken um Schwester Manuela kreisen, in den Reichtum der Operngeschichte ein.

Peter Henisch hat einen bedächtig voranschreitenden Roman geschrieben, der immer wieder die Perspektive wechselt und abzubilden versucht, was sich in den plötzlich verwirrten Köpfen seiner Mittelschichthelden tut. Herta Novak nimmt dabei zwangsläufig den schwächeren Part ein. Ressentimentgeladen verfällt sie bei jeder Gelegenheit in Fremdenhass und kann in Manuela nicht mehr als eine „asiatische Zuckerpuppe“ sehen, die ihrem armen Mann den Kopf verdreht und wohl ohnehin einem Nebenjob als Prostituierte nachgeht. Voller Missgunst macht sie sich auf, Manuela bei der Krankenhausdirektion anzuschwärzen – eine Maßnahme, die von Erfolg gekrönt ist und Franz‘ zaghafte Versuche, wieder Kontakt zu seiner musikalischen Lehrmeisterin aufzunehmen, scheitern lässt.

Wie der Roman enden und was der einst „guten Gefährtin“ Herta zustoßen wird, ahnt der Leser früh. Auf diese Zuspitzung kommt es indes nicht an, denn im Grunde will Peter Henisch die erstaunliche Geschichte eines Menschen erzählen, der sich unverhofft von hoher Kunst „tief in seinem Innersten“ angesprochen fühlt und seinem Leben eine neue Richtung geben möchte. Der „treue Ehekrüppel“ Novak merkt, dass – nachdem ein Ausbruch in eine Fremdenpension ein unrühmliches Ende findet – eineRückkehr in die alten Gewissheiten nicht mehr möglich ist, dass er dem „falschen Frieden“ zu Hause misstrauen muss.

Und weil ein solcher Lebensumschwung eher eine Seltenheit darstellt, greift Henisch zu erzählerischen Mitteln, die dieser Prosa eine bewusste, Novaks Bewusstseinsprozess nachzeichnende Langsamkeit einflößen. Retardierende Momente beherrschen den Gang der Geschichte, unterbrochen von Alltagsbeschreibungen, die von feinem Humor durchzogen sind. Manchmal hart am Klischeeabgrund angesiedelt, fasst der Text das späte Scheitern einer Ehe in genau beobachtete Dialoge. „Jetzt, wo du nicht da bist, geht mir etwas ab“ – so etwa lautet die vehementeste Liebeserklärung, die Herta über die Lippen kommt. Und mit Vergnügen registriert man, dass auch in österreichischen Marktgemeinden die Erkenntnisse der Moderne, wenn auch mit einiger Verspätung, Einzug halten: „Vielleicht war das ja ein Appell seines Unterbewusstseins. Sie hielt sonst nicht viel von diesem Psychogeschwafel, aber über das Unterbewusstsein (oder hieß es das Unbewusste?) stand so viel in den Illustrierten, dass sie es inzwischen doch irgendwie akzeptiert hatte. Womöglich gab es das wirklich.“

Wo es Peter Henisch gelingt, Wehmut und Komik derart zu mischen, erweist sich sein Roman als intelligente, anregende Lektüre. Dass diese manchmal von einer gewissen Betulichkeit getrübt wird, hat damit zu tun, dass Franz und Herta Novak offenkundig an Frühvergreisung leiden. Für einen Mittfünfziger ist der pensionierte Postmann von eigentümlicher, ja quälender Unbeweglichkeit, und auch Gattin Herta, eine Frau von gerade mal 48 Jahren, könnte man sich mühelos als Altersheimbewohnerin vorstellen. Mehltau liegt über diesem Leben, und ob „Hoffmanns Erzählungen“ oder „Die Zauberflöte“ da wirklich Abhilfe schaffen, darf bezweifelt werden.

Oper als Heilmittel

Michaela Schmitz, Deutschlandfunk

Der österreichische Schriftsteller, Journalist und Musiker Peter Henisch meint es ernst mit der Ironie. Sie ist ihm Motor der Erkenntnis und steht auch im Zentrum seines neuen Buchs „Großes Finale für Novak“.

Wer nicht fühlen will, muss hören. Oper zum Beispiel. Für manch einen ist das Strafe genug. Auch für Franz Novak. Zumindest galt das bis zu seiner Gallenoperation. Knapp war es gewesen. Sehr knapp. Er hatte ja nicht auf seine Schmerzen hören wollen. Jetzt lag er also im Spital und hörte Oper. Ausgerechnet Oper! Zum einen war es das einzige, was die akustisch aufdringliche Körperlichkeit seines Bettnachbarn übertönen konnte. Zum anderen war es Schwester Manuela gewesen, die ihm ihre privaten Aufnahmen als akustisches Heilmittel zur Verfügung gestellt hatte. War nicht vielleicht der exotisch sinnliche Charme der indonesischen Schwester der eigentliche Auslöser für die ihm bislang völlig unbekannten Gefühle beim Opern-Hören?

Bei seiner Frau jedenfalls hatte der 55-jährige Postler in den vergangenen dreißig Ehejahren nie Vergleichbares empfunden. Nun zeigte Herta auch deutlich mehr Talent fürs dramatische als fürs lyrische Fach. Nicht selten hob sich ihre Stimme bei regelmäßigen theatralischen Auftritten im ausgebauten Schrebergartenhaus in unangenehm schrille Regionen. Und als Novak auch nach der Rückkehr aus dem Spital nicht von seiner neu geweckten Opern-Leidenschaft lassen will, werden bei der niederösterreichischen Elektra schließlich sämtliche Rachegeister lebendig.

Spätestens, nachdem der unerwartet in Früh-Ruhestand versetzte Novak zu Hause auszieht, um endlich ungestört in einer städtischen Pension seiner neuen Passion nachgehen zu können: Opern zu hören und Briefe an Schwester Manuela zu schreiben, ohne sie je abzuschicken.

Von blinder Eifersucht getrieben, überlässt Herta daraufhin ihren Friseursalon den Aushilfen und führt einen unbarmherzigen Rachefeldzug gegen Schwester Manuela. Mit Erfolg. Als Franz Novak bei seinem ersten Opernhausbesuch der „Madame Butterfly“ Schwester Manuela im Publikum entdeckt und ihr nach der Vorstellung hinterhereilt, will sie ihn nicht wiedererkennen. Aller Lebensgeister beraubt, zieht sich Novak in seine Pension zurück und verlässt das Bett nicht mehr. Bis Herta ihren seelisch und körperlich verwahrlosten Franz zu sich nach Hause zurückholt. Was dieser erst später erfährt: Hertas Verleumdungen der Schwester im Spital und bei der Polizei haben Manuela Arbeit und Aufenthaltsgenehmigung gekostet.

Als Novak auf die Wahrheit stößt, bricht er auf der Stelle seinen kalten Opern-Entzug ab, legt die nächste CD ein und dreht die schmetternden Arien auf volle Lautstärke. Herta glaubt er allein auf dem Weg nach Teneriffa. Doch ihr Flug wird gecancelt. Plötzlich steht sie vor der Tür. Und tut, was man von ihr erwartet: Sie zieht den Stecker. Ein starker Auftakt zur dramatischen Ouvertüre für Novaks großes Finale. Der Ausgang? Der wird nicht verraten. Nur so viel: Am Ende sieht man Novak mit seinen Opern-CDs unterm Arm den verschneiten Aussichtsturm des Hausbergs ersteigen …

Peter Henischs „Großes Finale für Novak“ ist zweierlei: Libretto für eine dramatisch-komische Oper und Anti-Bildungsroman. Motor der gesellschaftskritischen Roman-Oper von tragischer Komik ist die ironische Konfrontation der sogenannten kleinen Leute mit den großen existenziellen Themen Liebe und Tod. Die bewusst grob geschnitzten Figuren treten – wie bei der Commedia dell’arte – als komische Darsteller bis zur Karikatur überzeichneter Typen auf. Novaks beleibter Spitalnachbar Kratky ist das typische Modell des derben bierseligen Volksvertreters. Der Freund deftiger Witze und scheppernder Volksmusik gibt mit seinen unappetitlichen Körpergeräuschen den Generalbass vor. Schwester Manuela erscheint als rettender Engel. Sie bringt Novak die Oper als Zaubermittel gegen Kratky. Die passionierte Opern-Botschafterin vertritt die Kunst als produktive ästhetische Haltung gegen den Tod. Nicht erst in der Aufführung der „Madame Butterfly“ erscheint Novak die zarte Gestalt Manuelas im türkisgrün schimmernden Kleid mit dem aparten Schönheitsmal auf goldfarbener Haut beinahe überirdisch schön. Wie auf der Jagd nach einem exotischen Schmetterling versucht Novak seiner „Madame Butterfly“ nach der Aufführung über Treppen und durch Gassen hinterherzueilen. Doch seine Liebesbotin und Schönheitsgöttin fliegt ihm davon. Störenfried ist Novaks Ehefrau Herta. Sie tritt als eifersüchtiger Racheengel auf die Bühne. Mit boshaften Intrigen und unerbittlicher Gattinnenliebe versucht sie jeden Befreiungsversuch Novaks im Keim zu ersticken. Die fremdenfeindliche Haarsalon-Königin steht für die gnadenlose Sanktionierung des Individuums durch die Gesellschaft. Franz Novak schließlich ist der klassische Typ des überangepassten Beamten. Erst mit der Welt der Oper lernt er etwas bislang Unerhörtes kennen. Novak wird hellhörig, im wahrsten Sinne des Wortes. Alltagsgeräusche werden ihm zur Qual. Den Gesängen der Amseln dagegen lauscht er plötzlich mit wachem Ohr. Wer nicht fühlen will, muss eben hören. Wer aber zu hören lernt, kann auch wieder fühlen – die Grundvoraussetzung selbstständigen Denkens und Basis jedes individuellen
Handelns.

In Henischs „Großes Finale für Novak“ wird Oper zum pädagogischen Heilmittel gegen die herrschenden individualitätsfeindlichen Verhältnisse. Henischs Opern-Krimi ist ironischer Anti-Bildungsroman, dramatisch-komisches Musik-Theater und Räuberpistole in einem. Die Komik der ironischen Dialoge und scherenschnittartigen Figuren überzeugt besonders in der ersten Hälfte. Danach rückt der Humor manchmal ein wenig zu weit hinter die gesellschaftskritische Operndidaktik zurück.

Interview

Thomas Jorda, in BESTE SEITEN, Extrablatt der österreichischen Zeitungen und Magazine zur Buch Wien 11

Jorda: Herr Henisch, Sie sind mit 68 Jahren bedeutend älter als Ihr Held. Franz Novak ist erst 55.
Henisch: 55 ist auch nicht mehr ganz jung. Außerdem ist 68 eine gute Zahl.

Jorda: Warum denn das?
Henisch: Sie erinnert mich an ein Jahr, das in meiner Generation eine gewisse Rolle gespielt hat.

Jorda: Haben Sie mit Ihrem Novak etwas gemeinsam?
Henisch: Ich habe mich in die Haut des Herrn Novak versetzt, wie ich mich immer in andere Rollen hinein denke. Manche Protagonisten sind mir allerdings wesentlich näher gestanden als der Franz Novak. Aber ich kann mir ganz gut vorstellen, was in einem Menschen wie ihm vorgeht. Und das habe ich zu Papier gebracht.

Jorda: Worin unterscheiden Sie sich von der Titelfigur Ihres Romans?
Henisch: Novak ist konfliktscheu, vor allem seiner Frau gegenüber. Das bin ich nicht.

Jorda: Das heißt, Sie hätten sich rechtzeitig gewehrt?
Henisch: Ich habe mich rechtzeitig gewehrt.

Jorda: Sie nennen Ihren Protagonisten meist beim Nachnamen. Was will uns der Name Novak sagen?
Henisch: Novak ist ein Allerweltsname und passt zu einem ganz einfachen, ganz gewöhnlichen Menschen. Ich sehe aber in Novak nicht nur irgendeinen volkstümlichen Österreicher. Ich habe ja auch in dem Buch nirgends ausdrücklich von Wien und Umgebung geschrieben, obwohl bisher alle Kritiker den Roman dort angesiedelt haben. Ich denke, dass dieser Roman nicht nur in dieser Weltecke, sondern auch anderswo lesbar ist. Dass es nur die Menschen in Wien und Umgebung angeht, wäre mir zu wenig.

Jorda: Das Szenario des Buches, einen leisen Krimi an Opernmusik aufzurichten – war das plötzlich da?
Henisch: Ich habe die Idee zur Personenkonstellation schön längere Zeit mit mir herumgetragen. Ich habe sie notiert und überlegt: Welche Art von Musik könnte den Mann derart irritieren? Außerdem ist Opernmusik jene Musik, die sich am besten erzählen lässt. Sie ist mit Geschichten verbunden, die im Kopf entstehen.

Jorda: Einen konkreten Anlass, etwa eine Zeitungsnotiz im Chronikteil gab’s also nicht?
Henisch: Keinen. Es war die Beziehung zwischen drei Personen, die mich interessiert hat. Ich habe immer stärker die Neigung, aus Konstellationen heraus etwas zu entwickeln und nicht bloß aus einer Person heraus, die mehr oder minder dem Autor entspricht.

Jorda: Als alter Feminist fällt mir auf, dass Novaks Ehefrau Herta nicht sehr sympathisch gezeichnet wird, wohingegen man mit Novak bald Mitleid hat.
Henisch: Der Vorwurf, einen antifeministischen Text geschrieben zu haben, überrascht mich. Bisher hat es immer geheißen, der Henisch ist ein Gutmensch und nichts Böses kommt in seinen Texten vor. Jetzt habe ich halt einmal eine Person beschrieben, die nicht von vornherein sympathisch ist. Aber ich dämonisierte Herta nicht. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Großes Finale für Novak ein Buch mit Ironie ist und die Oper als Grundmodell hat. Es geht darin opernhaft zu und es endet auch opernhaft.

Jorda: Das große Finale!
Henisch: Und dass es anderseits auch ein subtiler Krimi ist, macht keinen Widerspruch. So sind die Opern! Da spielt sich oft Kriminelles ab. Im Übrigen habe ich meine Figur Herta so sehr geliebt, dass ich sie vor dem Finale noch von ihren Sünden lossprechen ließ. Von einer Taxlerin, die sagt: Ego te absolvo!

Jorda: Vieles bleibt offen …
Henisch: Ist doch schön. Offene Schlüsse haben mich immer fasziniert, ich halte es für eine dramaturgische Tugend, dass nicht alles zu Ende erklärt wird.

Jorda: Apropos Schluss. Eine Verfilmung würde wahrscheinlich mit der Schlussszene beginnen.
Henisch: Spektakulär mit dem Schluss zu beginnen, das habe ich beim Schreiben auch schon überlegt, bin aber davon abgekommen. Ich wollte die Spannung allmählich aufbauen, nicht vorschnell vorwegnehmen, was am Ende passiert.

Jorda: Sex kommt bei Ihnen eher rhetorisch vor. Haben Sie nicht daran gedacht, solche Szenen etwas ausführlicher zu beschreiben.
Henisch: Was heißt rhetorisch? Ich würde sagen: Nicht um des Effekts Willen drastisch. Mir gehen Autorinnen und Autoren, die auf diesem Wellenkamm surfen, schwer auf die Nerven. Irgendwer hat übrigens bemängelt, dass der Schluss nicht originell sei. Ich schreibe einen Schluss aber nicht, weil er originell ist, sondern weil er konsequent ist. Originalität ist Sache der Kabarettisten.

Interview

Günther Eisenhuber (der das Buch lektoriert hat) interviewt seinen Autor (Residenz Magazin)

Lieber Herr Henisch, Franz Novak, der Held Ihres jüngsten Romans, gerät spät im Leben auf Abwege, als er seine Leidenschaft für die Oper entdeckt. Wie halten Sie es mit der Oper?
Was Opern betrifft, so war ich, als ich den Roman zu schreiben begonnen habe, nicht ganz so naiv, wie mein Protagonist. Aber so viel ist wahr, daß ich mich sozusagen auf Novaks Spuren, auf etwas andere Weise im Kosmos der Oper umgetan habe, als vorher. Das ist ja recht häufig so, wenn ich einen neuen Roman schreibe. Bis zu einem gewissen Grad gehe ich dann als der Stuntman meiner eigenen Figuren durch die Welt.
Das heißt aber nicht, daß zwischen Novak und mir allzu viele Ähnlichkeiten bestehen. Daß man sich als Autor bis zu einem gewissen Grad mit seinen Figuren identifiziert, sozusagen arbeitshypothetisch, ist ja eine gute, alte Methode. Aber indem man sich bei dieser Gelegenheit sehr intensiv mit den Dingen beschäftigt, die so einer im optimalen Fall doch sehr lebendig werdenden Figur im Kopf herumspuken, bleibt meist so etwas wie ein Nachklang. Bei mir ist das oft ein musikalischer Nachklang: Im Fall meines Buchs„Morrisons Versteck“ war es Nachklang der Rockmusik, im Fall meines Romans „Schwarzer Peter“ waren es der von Blues und Jazz, dann, nach der ‚Sehr kleinen Frau’ war es vor allem die Klaviermusik von Schubert, und jetzt hat mich überraschender Weise die Oper erwischt.

Die Oper ist heute den meisten wohl eher ein Anlaß zum Ausführen von Abendgarderobe, ein Anlaß zu zeigen, wer man ist. Franz Novak ist Postbeamter. Als es ihn erwischt, liegt er im Spital und trägt vermutlich Pyjama. Man könnte ihn darum beneiden, daß es ihn so unvorbereitet trifft …
Ja, daß Novak Opernmusik vorerst nicht im guten Anzug sondern im Pyjama hört, ist wahrscheinlich von Vorteil. Sowohl für ihn als auch für die meisten, die seine Geschichte lesen werden. Da fällt sehr viel weg, was den Zugang zu dieser Musik verstellt. Darüber hinaus wird ihm dieser Zugang ja durch eine nette, indonesische Krankenschwester ermöglicht, ohne sie, die ihm ihre Kopfhörer und die Tonbänder zur Verfügung stellt, würde er ja gar nicht damit anfangen, diese Musik zu hören, der erotische Gehalt dieser Musik wird in dieser Situation etwas unmittelbarer spürbar als bei einem konventionellen Opernbesuch.

Novak setzt Kopfhörer auf, weil sein Bettnachbar schnarcht. Ist die Kunst ein Fluchtort jenseits der Zumutungen der Welt?
Dem Novak werden die Zumutungen der Welt ja eigentlich erst so richtig bewußt, nachdem er mit der Opernmusik in Berührung gekommen ist. Indem er lernt, etwas, das er früher nicht als schön empfunden hätte, als schön zu hören, gewissermaßen als Utopie von Schönheit, bemerkt er, wie häßlich die Welt rundherum ist. Das wird in diesem Buch zuerst auf der Klangebene durchgespielt – die liebe Schwester Manuela hat ihm sozusagen die Ohren geöffnet. Aber vielleicht, schreibt er in einem seiner unabgeschickten Briefe an sie, haben Sie mir ja auch die Augen geöffnet – nach und nach wird ihm zumindest ansatzweise bewußt,, daß die für gewöhnlich für normal gehaltene Welt alles andere als schön und gut ist, und daher eigentlich so, wie sie ist, auch gar nicht wahr sein darf.

Ja eben. Je mehr er sich in die Musik vertieft, desto empfänglicher wird er, aber auch empfindlicher. Überall Straßenlärm, Baustellen, Rasenmäher, seine Frau Herta … – ein Mann auf der Flucht?
Ein Mann auf der Flucht. Ja, das auch. Aber nicht nur vor dem Lärm und vor seiner Frau. Sondern vielleicht auch vor der Spannung, die sich da aufbaut. Der Spannung zwischen Herta und ihm, zwei Eheleuten, die bis dahin halbwegs friedlich miteinander ausgekommen sind. Nach seiner Rückkehr aus dem Spital ist er ja ein anderer. Etwas für Herta Fremdes hat von ihm Besitz ergriffen. Etwas, das sie nicht akzeptieren will und kann, auch weil sie vermutet, daß da eine andere dahinter steckt. Und das treibt auf ein Krimi-Ende zu, auch wenn der Roman kein Krimi im engen Sinn dieses Wortes ist. Doch es gibt solche Krimis der sozusagen subtileren Sorte, etwa bei Georges Simenon und bei Patricia Highsmith, und die gehören meines Erachtens zu den besten.

Der Blick auf die Figuren, die ihre Bücher bevölkern, ist oft ein schmunzelnd ironischer, aber immer ein sehr menschlicher. Dabei verrät er aber auch ein überaus waches Bewusstsein für die Schwächen, Unzulänglichkeiten und Ungeheuerlichkeiten. Ist Ihnen nie danach, richtig böse zu sein?
In einer Würdigung meines Buchs „Die kleine Figur meines Vaters“ hat der Kollege Erich Hackl angemerkt, daß ich meine Figuren nie denunziere. Darauf bin ich stolz. Und darum bemühe ich mich nach wie vor. Ich versuche Personen zu schaffen, ich begnüge mich nicht mit Abziehbildern. Selbst wenn ich eine von ihnen umbringen muß, und selbst wenn das eigentlich eine unmögliche Person ist, merke ich, wie viel Empathie für sie ich mir bis zu diesem Zeitpunkt schon erschrieben hab.
Das heißt: Ich bin als Autor nicht leichtfertig böse. Das Böse als Attitüde, das liegt mir nicht. Ich halte auch nicht viel von diesbezüglicher Effekthascherei. Das wirklich Spannende in der Literatur ist für mich ganz etwas anderes.

Einleitung zur Präsentation im Theater(café) an der Wien

Cornelius Hell

„Totes Glück: Das ist ein existenziell tragisches Motiv des uneigentlichen Lebens im Wohlstand, im Frieden, am Montagmorgen unter blühenden Akazien. Bestenfalls gelingt es einem, den Glauben daran, dass man ein glücklicher Mensch sei, damit zu verwechseln, dass man tatsächlich keiner ist. Daraus mag sich eine tiefe Form der Leblosigkeit entwickeln, die umso tiefer reicht, je weniger dem unglücklich Glücklichen noch bemerkbar wird, dass ihm das Gefühl, lebendig zu sein, abhandenkam. Nicht die schlechteste Definition des Glücks in unserer glücksversessenen Zeit wäre daher: Glück ist das Gefühl, lebendig zu sein.“

Diese Sätze des Grazer Philosophen Peter Strasser aus seinem jüngsten Buch über das Glück sind mir bei der Lektüre des Romans „Großes Finale für Novak“ von Peter Henisch gleich wieder eingefallen. Wahrscheinlich lebte ja auch dieser Franz Novak im Glauben, er sei ein glücklicher Mensch; oder zumindest kein unglücklicher. Doch das Gefühl, lebendig zu sein, war ihm sicher abhanden gekommen – ohne dass er das allerdings groß bemerkt hätte. Er war also in dieser tiefen Form der Leblosigkeit versunken. Allerdings weiß er das erst, als er sich wieder lebendig fühlt. Franz Novak ist einer der vielen, denen das Glück langsam und lautlos abhanden kam. Und die in der Leblosigkeit ganz gut leben können.

Franz Novak: 55 Jahre alt, seit 30 Jahren verheiratet mit Herta, der einzige Sohn Bernd lebt seit Jahren in Kanada. Novak war Postbeamter in einer Marktgemeinde namens Grabern, beruflich hatte er noch eine Hoffnung: Amtsleiter werden. Aber leider: Das Postamt wurde geschlossen und Franz Novak in Frühpension geschickt. Das Postamt, die Donnerstagabend-Schachrunde im Gasthaus und die SPÖ – das war seine Heimat. Und natürlich das Haus in der Siedlung, das umgebaute Schrebergarten-Haus, das er mit Herta bewohnte, seit sie von Wien nach Grabern gezogen waren. Herta ist Friseurin, hat einen kleinen Laden und eine schrille Stimme – und sie kann Opern nicht ausstehen. Sie kann überhaupt vieles nicht ausstehen, vor allem Ausländerinnen und Ausländer nicht; Franz muss ständig kalmieren – kein Wunder, dass er im Lauf der Jahre immer ruhiger geworden ist. Er war pflegeleicht, sagte seine Herta über ihn. Er war duldsam, sagt der Erzähler. Es kommt darauf an, dass man miteinander auskommt, hätte Novak gesagt. Einen treuen Ehekrüppel nennt ihn der Erzähler einmal, als er sich ein bisschen Luft macht. Im Normalfall hat der Erzähler keine so große Distanz zu seinem Franz Novak, er erzählt aus Sympathie zu ihm. Herta allerdings lässt er zunächst als eine erscheinen, die man in Wien eine Bissgurn nennen würde. Bis er einmal ein Fenster in die Vergangenheit aufmacht und Franz sich an die Stimme der jungen Herta erinnern lässt: „Die Stimme eines erst vor kurzem aus dem Ohrfeigenregime eines sonst hilflosen Vaters entkommenen Mädchens, einer von ihrem Lehrherrn, einem gewissen Herrn Stephan, auch eher rauh angefaßten und gelegentlich angegrapschten jungen Frau, die sich einen Mann wünschte, an den sie sich anlehnen konnte, der seinen Arm um sie legte und sie im Bedarfsfall beschützte.“ Ideale Voraussetzungen, könnte man sarkastisch sagen, für ein trautes Heim, versüßt mit vielen Mehlspeisen. Oder wie es der Erzähler anhand einiger Fotos auf den Punkt bringt: „Herta und er in verschiedenen Stadien ihrer ehelichen Verformung“.

Doch mit einem Mal gerät alles aus der Balance. Franz Novak musste ins Spital – fast wäre es schon zu spät gewesen für seine Gallenstein-Operation. Und im Zimmer neben Novak liegt Kratky – fett, furzend und pausenlos Regionalsender hörend. Novak kann nicht schlafen und findet keine Ruhe mehr, aber eine indonesische Krankenschwester hat Verständnis: Sie borgt ihm ihren Kassettenrekorder – mit Opernmusik. Da überkommen ihn ungeahnte Gefühle. Seine Opern-Erfahrung ist unmittelbar, durch keine Kultur-Routine gebremst, nicht heruntergedimmt durch routinierte Einordnung in Bildungswissen. Nein, Franz Novak muss sich ja erst mit Opernführern und Reclam-Heften mühsam vorantasten in diesem Neuland.

Als Novak wieder nach Hause kommt, ist er völlig verändert: Er hört mehr und auf neue Weise. Er lauscht den Amseln. Und er kann die Rasenmäher, Laubsauger und die Bohrmaschine des heimwerkenden Nachbarn nicht mehr ausstehen. Die Kunst hat ihn allergisch gemacht gegen den künstlichen Lärm. Das ist vielleicht eine der anrührendsten Szenen des Romans – als Franz Novak die alte Sense sucht und den Rasen mäht, weil er das barbarische Knattern des Rasenmähers abstellen muss.
Erinnerung an die Handarbeit gegen immer neue Maschinen – das ist eine der Blickachsen, die aus der individuellen Geschichte des Franz Novak immer wieder hinausführen in ein Zeit- und Gesellschaftspanorama. Und dabei werden Verluste sichtbar: das Veröden des Ortszentrums, der Lärm in der Siedlung durch technische Aufrüstung, Verluste an Intimität durch das Verschwinden der alten Telefonhäuschen; aber auch: Verlust von Gesinnung in Franz Novaks Partei, der SPÖ. Hier wird allerdings kein naives Lied von der guten alten Zeit gesungen – schon das Mähen mit der Sense gelingt Franz Novak ja nicht wirklich –, aber der Vergleich mit früher zeigt eben nicht nur Gewinne, sondern vor allem auch Verluste, die ein eindimensionaler Blick auf die Gegenwart gar nicht mehr wahrnimmt.

Ausgelöst werden Novaks Wahrnehmungen aber durch die Musik – die sich von Anfang an mit einer scheuen Liebe zu Schwester Manuela verbindet. Doch ausleben kann Franz Novak nur die Liebe zur Musik, zur Oper. Und schon dafür muss er von zu Hause ausziehen und sich eine Pension am Stadtrand von Wien suchen. Und ein einziges Mal gelingt es ihm wirklich, in die Staatsoper zu gehen und „Madame Butterfly“ zu erleben.

Doch dann scheint die Oper doch auch eine Sackgasse zu sein – Novak hat einen körperlichen Zusammenbruch, seine Frau muss ihn retten und heimholen. Aber bald muss Novak erfahren, dass seine Frau die berufliche und private Existenz von Schwester Manuela ruiniert hat. Da explodiert der Roman zu einem großen Finale.

Wieder einmal spielt also die Musik bei Peter Henisch eine große Rolle. In „Morrisons Versteck“ war es die Rock-Musik, im „Schwarzen Peter“ der Blues, in „Eine sehr kleine Frau“ die Klaviermusik, vor allem von Franz Schubert, und jetzt ist es die Oper. Und wieder einmal hat Peter Henisch einen Außenseiter in den Mittelpunkt gestellt – wie schon den „Baronkarl“ oder eben den „Schwarzen Peter“. Aber diesmal ist es einer, der erst zum Außenseiter wird, der den Roman zunächst als ein geradezu Über-Angepasster betritt. Die Kraft zu seinem Ausbruch holt er sich aus einem Bereich, der einmal im Zentrum der sogenannten Hochkultur gestanden ist – der Oper. Heavy-Metal-Musik beruhigt ihn, weil sie den Lärm niederdröhnt, aber die Oper wühlt ihn auf.

Sie wühlt ihn derart auf, dass sie ihn am Ende aus seinen bisherigen Lebenszusammenhängen hinauskatapultiert. Er hat nur mehr sich selbst. Aber er spürt sich wieder, spürt, dass er lebendig ist. Und ich denke Peter Strasser hat recht: das wäre eine gute Definition von Glück.

Die Midlife-Crisis zeigt sich bei Franz in vierfacher Gestalt

Christian Schacherreiter, Oberösterreichische Nachrichten

Der Schriftsteller Peter Henisch liebt die Musik. In seinem neuen Roman liefert die Oper die dramatischen Begleittöne zu einer Ehekrise.
Franz Novak ist 55, seit mehr als drei Jahrzehnten Postbediensteter in der niederösterreichischen Marktgemeinde Grabern, seit 30 Jahren verheiratet mit Herta, einer Achtundvierzigjährigen mit herbem Charme, die einen kleinen Friseurladen betreibt. Der gemeinsame Sohn Bernd lebt seit Jahren in Kanada. Und auch sonst hält sich das Abenteuer in Grenzen.

Franz und Herta treiben in jener gesicherten Mittellage dahin, die durch folgenden Satz repräsentiert wird: Wir haben es doch schön hier draußen in unserem durch eine Veranda erweiterten Schrebergartenhäuschen.

Diese grundsolide Ausgangssituation lädt ein zu einer handfesten männlichen Midlife-Crisis. Franz Novak begegnet die Krise gleich in vierfacher Gestalt: als Gallenoperation, als erzwungene Frühpensionierung, als Krankenschwester Manuela und als völlig unerwartete Leidenschaft für die Oper.

Wobei Manuela und die Oper in einer heiklen Verbindung stehen. Denn die aus Indonesien stammende Krankenschwester ist es, die Novaks junge Liebe zur Oper entfacht. Als Herta diesen Zusammenhang erkennt, läuten bei ihr die Alarmglocken. Und wenn bei Herta einmal die Alarmglocken läuten, ist das Geräusch unüberhörbar und schwer erträglich. Insbesondere für Franz, dessen Gehörsinn seit dem Krankenhausaufenthalt recht sensibel geworden ist.

Franz Novak packt die Reisetasche und zieht sich von seiner Frau zurück, aber Herta ist nicht der Typus Frau, der in solch einer Lage kampflos resigniert. Sie verteidigt ihr Revier und wendet dabei Mittel an, die ziemlich unsauber sind, aber durch den Zweck geheiligt werden – zumindest in Hertas Vorstellungswelt. Zu dieser Vorstellungswelt gehören auch Hassbilder von asiatischen Sex-Hexen, die an sich harmlose europäische Männer verzaubern. Obwohl die Sympathien des auktorialen Erzählers auf der Seite von Franz liegen, mehr noch auf der von Manuela, vermeidet er die plakative Parteinahme. Durch Perspektivenwechsel lässt Peter Henisch auch Herta Gerechtigkeit widerfahren und macht ihre Gefühle und Gedanken plausibel, ohne sie deswegen zu rechtfertigen.

Denn eines ist am Ende auch klar: Das Leben ist unberechenbar, insbesondere das Liebesleben. Und wer meint, durch besonders raffinierte Strategien Erfolg zu haben, steht gerade dadurch am Ende als Verlierer da.

Peter Henisch erweist sich hier wieder einmal als genauer Menschenbeobachter, der seine Romanfiguren, ihr Verhalten, ihre Sprache, ihr Verhängnis überzeugend aus ihren realen Lebensverhältnissen heraus kreiert. Sozialer Realismus im allerbesten Sinn des Wortes!

Henisch beherrscht das Erzählen auch in handwerklicher Hinsicht meisterlich. Spannungsbögen, pointierte episodische Sequenzen und punktgenau gesetzte Wendepunkte machen das Lesen dieses Eheromans zu einem spannenden Vergnügen.

Der Postler und die Oper

Sebastian Fasthuber, Now!

Darf man in einem Magazin für Popkultur über einen Roman schreiben, in dem die Oper eine bedeutende Rolle spielte? Blöde Frage, natürlich darf man. Zumal es nicht schaden kann, ab und zu seinen Horizont zu erweitern. Franz Novak, dem Helden von Peter Henischs neuem Roman, geht es außerdem anfangs mit der Opernmusik so ähnlich wie vielen an Pop- und Rockmusik gewöhnten Ohren. Er fragt sich: Warum wirkt Opergesang so furchtbar grell und pathetisch? Novak liegt nach einer Gallensteinoperation im Spital und leidet an der zünftigen Regionalradio-Berieselung, mit der ihn sein Zimmerkollege zwangsbeglückt. Eine aus Indonesien stammende Krankenschwester versorgt ihn darauf mit einem Walkman und Opern-Kassetten – was dem bislang mit Joe Cocker und Tina Turner zufriedenen Postbediensteten Mitte 50 eine neue Welt eröffnet. Nach seiner Entlassung findet er nicht mehr in sein altes Leben zurück. Seine Frau Herta mit ihrem Frisiersalon und ihrer Fremdenfeindlichkeit ist ihm unangenehm, gleiches gilt für die Rasenmähergeräusche aus den Nachbargärten. Dass man Novak zudem in Frühpension schickt, bringt das Fass zum Überlaufen. Er verlässt sein Schrebergartenhaus in Niederösterreich und geht nach Wien in Tagträumen von „seiner“ Krankenschwester auf. Großes Finale für Novak ist ein glänzend erzähltes Buch mit einem hochsympathischen Helden – und einem Ende so dramatisch wie ein Opernfinale.

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