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Suchbild mit Katze

Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau

Katze ist kein Beruf

Traumberuf Katze: Als Peter Henisch begriff, dass er als Katze kein Geld verdienen kann, wurde er Schriftsteller.
Peter Henisch erzählt in seinem neuen Roman von einer Wiener Kindheit und vom Weg zum Schriftstellerleben.

Der österreichische Schriftsteller Peter Henisch dehnt seit jeher den Begriff des Romans, aber der Roman hält das aus. Sein neues Buch, nominiert für den erstmals vergebenen Österreichischen Buchpreis, den dann Friederike Mayröcker gewann, könnte man ohne diese Gattungseinordnung wohl auch „Erinnerungsbilder“ nennen, würde man übrigens auch ganz gerne, wäre bequemer. Wie die Dinge aber liegen, kann Henisch es sich leisten, offen zu lassen, wie viel von ihm selbst in dem Nachkriegswiener Buben steckt, der unter Umständen – Henisch mag sich hier nicht festlegen, muss er auch nicht – ebenfalls Peter heißt. Vielleicht aber auch Paul. Und wie viel von ihm in dem Reisenden steckt, der mal in New Orleans ist, mal in Istanbul, letzteres auf der Rückreise vom Iran, als Tramper, unvorstellbar. „Damals lag noch nicht so viel Angst in der Luft. Was das betrifft, waren das sehr glückliche Zeiten.“ Auf dem Rückweg von Prag wiederum lernt der Reisende Franz Kafka im Zug kennen. Sozusagen.

Auch muss Henisch sich nicht festlegen, wie viel von ihm in einem Erzähler steckt, der einen Roman über einen gewissen Paul Spielmann geschrieben hat. Allerdings kommt in Peter Henischs „Eine sehr kleine Frau“ (2007) ein Mann dieses Namens als Erzähler vor. Der Erzähler in Peter Henischs neuem Buch wird nun von „Frau S.“ darauf angesprochen. Sie glaubt partout nicht, dass er wiederum partout nicht dieser Paul Spielmann sein will. Frau S. denkt, er will sie zum Narren halten. „Wenn so ein Autor ICH schreibt, dann denke ich selbstverständlich, es handelt sich um ihn.“

Frau S. ist zum Verzweifeln, aber auch komisch. Nachher erfreut sie mit einer weiteren Verwechslung. „Und diese Katze hat Murr geheißen?, fragt die Frau S. Nein, sage ich, Murli hat sie geheißen, weil sie so schwarz war. Aber irgendwo hab ich gelesen, dass Sie eine Katze – oder war es ein Kater? – namens Murr gehabt haben. Das war nicht ich, sage ich, das war E. T. A. Hoffmann. Schon wieder nicht Sie!, sagt die Frau S. Sie wollen es nie gewesen sein.“ Da kann man auch wieder denken: Sie hat ja recht, die Frau S.

So besteht Peter Henisch auf der ultimativen Freiheit des Autors und der relativen des Erzählers und macht sich zugleich darüber lustig: Über dieses natürlich bei aller Verwicklung auch einfache Verfahren, das das Mitspielen des Lesers voraussetzt und sich an Frau S.‘ rigoroser Ignoranz die Zähnchen ausbeißt. So dass die Peter Henisch zugewandten Leser respektvoll zur Kenntnis nehmen, dass auch die Erzählerfigur in Henischs jüngstem Roman, „Suchbild mit Katze“, zahlreiche autobiografische Dinge und Details mit dem Wiener Schriftsteller gemeinsam hat, ohne dass Henisch eine Autobiografie geschrieben hätte. Aber es handelt sich in beiden Fällen um den Sohn eines in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg tätigen und namhaften Pressefotografen. Nachher wird er Schriftsteller.

In hingetupften Szenen erinnert sich Peter (Paul) im Roman an die Nachkriegszeit in der geteilten Stadt Wien, eine Kinderliebe, halbverbotene Straßenfreundschaften, das seltsame Leben als Einzelkind, das seltsame Leben als Kind des Jahrgangs 1943.

„Es gibt Wörter, auf die eine eigenartige Betonung gelegt wird. Das Wort Jud zum Beispiel. Oder das Wort Nazi. Liegt es nur an der Betonung, dass mir diese Wörter peinlich vorkommen? Ich mag sie nicht, diese Wörter, aber ich spitze die Ohren, wenn sie fallen.“

Selten vergisst der Erzähler, die Wege der Erinnerung mitzuerzählen: Warum ihm etwas wieder eingefallen ist, wie es ihm gerade jetzt einfällt, wo er etwas schon einmal gesehen, gehört hat. Manchmal, häufig reicht ein Blick auf dem Fenster – so dass neben dem „Kater Murr“ auch „Des Vetters Eckfenster“ seinen Platz bekommt. In der Form bleibt das locker, ist aber weder beliebig noch verplaudert. Die Szenen, die sich dem Erzähler in den Kopf drängen, sind kurz und prägnant. Ihre Zuverlässigkeit ist nicht verbürgt, dafür wiederum sorgt Autor Henisch, der nichts dagegen hat, uns in einer Restunsicherheit zu lassen.

Katzen – neben Murli auch Mimí und Hoffmann (das erzählt der Erzähler gleich Frau S.) – sind im „Suchbild mit Katze“ keineswegs nur Dekor. Der Erzähler bekennt sich nicht nur zur Katze, indem er mit ihr lebt und zwar offenbar über Jahrzehnte, also Katzengenerationen hinweg. Er identifiziert sich auch unorthodox mit ihr: als „Kind, das gerne eine Katze sein wollte. In einem Schulaufsatz nach seinen Plänen für später befragt, schreibt er – nach ausdrücklicher Ermunterung des Lehrers, der weiß, was sein Schüler in Deutsch kann – hin: „Auf die Frage, was ich einmal werden möchte, fällt mir zuallererst die Antwort KATZE ein … Ja. Ich würde gern eine Katze sein.“ Der Lehrer macht nach einem Blick ins Heft des Lieblingsschülers eilig darauf aufmerksam, dass es sich schon um einen Beruf handeln solle, etwas, mit dem sich Geld verdienen lasse. „Nein, Peter, das geht nicht. Katze ist kein Beruf.“

Daraufhin möchte Peter Schriftsteller werden. „Ich möchte etwas erleben und dann darüber schreiben“, schreibt er nun. Ironischerweise orientiert er sich vorerst an Karl May, der bekanntlich wenig erleben musste, um allemal über alles Mögliche zu schreiben. Aber auch Peter Henisch fand dann ja seinen Weg.

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