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Die Welten des Peter Henisch

Karl-Markus Gauß

Eleganz in der Unauffälligkeit. Zu Peter Henisch

Wie man in Büchern da und dort am Rand etwas notiert, was einem aufgefallen ist und das man sich merken möchte, will ich im Folgenden nicht mehr als ein paar gewissermaßen randseitige Anmerkungen zu Werk und Autor machen.

Erstens. Die Sprache
Peter Henisch ist ein österreichischer Autor, und man merkt das nicht nur an den Schauplätzen, den dargestellten Konflikten, den Biografien seiner Protagonisten, die er mit Ereignissen der österreichischen Geschichte verbindet, sondern gerade auch an seiner Sprache. Seine Sätze sind mit österreichischen Wörtern und Wendungen durchsetzt, die seltener aus dem Dialekt als aus der gehobenen Umgangssprache und zumal aus deren Wiener Sprachschatz kommen. Sie prunken aber nicht, wie das in österreichischer Sprachkunst sonst häufig der Fall ist, mit barocker Fülle oder Völle, sondern ziehen schön musikalisch und melodisch dahin, ohne kapriziös auf sich selbst aufmerksam machen zu wollen, fast möchte ich sagen, ihre Eleganz besteht in ihrer Unauffälligkeit.

Henisch hat sich für eine literarische Sprache in der von ihm trotzig so genannten »Mutterzunge« entschieden, also darauf verzichtet, sich in Vokabular, Satzbau und vielerlei Eigenheiten am deutschen Feuilleton zu orientieren. Er hat, wie es seinem Wesen entspricht, auch darum keine große Geschichte gemacht und jene Kolleginnen und Kollegen nicht gescholten, die sich ihrem deutschen Lektorat, das aus den vermeintlichen Austriazismen bedenkenlos Germanismen zu machen pflegt – übrigens ohne die geringste Ahnung, dass es sich um solche handelt –, nicht gebührend widersetzten. Es erschien ihm nur lächerlich, über ein Wiener Grätzel in der Sprache des Berliner Kiezes zu schreiben; oder Mortimer & Miss Molly, einen Roman, der in Italien spielt, wo Henisch jedes Jahr ein paar Monate in einer toskanischen Kleinstadt lebt, im Jargon der deutschen Toskanafraktion zu erzählen.

Er hat sich in dieser Sache unnachgiebig behauptet, sieht sie im Unterschied zu weniger toleranten Leuten wie zum Beispiel mir aber nicht grimmig, wenn etwa zu konstatieren ist, dass einer jüngeren Generation, die bereits in der digitalen Welt aufgewachsen ist, der Wert des österreichischen Deutsch entweder nicht mehr sonderlich viel gilt oder sie dessen Spezifik gar nicht mehr wahrzunehmen in der Lage ist. Im Beharren auf seiner Sprache ist Henisch übrigens alles andere als ein Sprachnationalist. In seinem jüngsten, wieder in Italien spielenden Roman, Nichts als Himmel, beklagt er – ganz eines Sinnes mit Pier Paolo Pasolini, der geradezu verzweifelt dagegen zu Felde zog – die Verarmung und Vereinheitlichung des Italienischen als Folge der ökonomischen Dominanz der reichen norditalienischen Regionen.

Zweitens. Die Flüsse
Zugegeben, nicht nur die Donau und der Mississippi spielen ihre Rolle in Henischs Werk, sondern auch der Atlantik. In dem köstlichen Roman mit dem heute unkorrekten Titel Vom Wunsch, Indianer zu werden lässt er Karl May und dessen Gattin Klara auf der Überfahrt mit Franz Kafka zusammentreffen, eine wunderwitzige Konstellation, eines jener glücklich entwickelten »Kopfbilder«, wie Henisch sie selber nennt. Es ist jedenfalls nicht der mächtige Donaustrom, sondern der Donaukanal, der durch seine Wiener Romane fließt, ein Gewässer, an dem das Kind mit seinen Papierschiffchen erstmals die Verlockung der Weite und das Erschrecken vor dem Verschwinden in der Weite verspürte, und ein Schauplatz plebejischen Lebens. Der Donaukanal gehört nicht zum »kaisergelben Wien, sondern zum ziegelroten«, wie es einmal heißt, also zum Wien der Peripherie, in dem der Autor aufgewachsen ist und das er literarisch immer wieder erkundet hat.

Der Donaukanal spielt auch in Die kleine Figur meines Vaters seine Rolle, einem Roman, der von der intellektuellen Freiheit des Autors zeugt, den Vater in seinem Opportunismus, aber auch in seinen berechtigten Ängsten, in seiner Angepasstheit, aber auch in seiner Sehnsucht nach dem guten Leben zu charakterisieren, kurz: ihm nicht selbstgefällig den Prozess zu machen, sondern, gerade in der notwendigen Kritik, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

In Nähe und Distanz zu seiner eigenen Biographie hat Henisch in seinen Romanen viele alternative Lebensläufe entworfen und durchgespielt. Und es war am Donaukanal, berichtete er einmal, dass er unverhofft den schwarzen Peter vor Augen hatte und sogleich begann, sich probeweise verschiedene Lebenswege dieses Kindes einer Wiener Straßenbahnschaffnerin und eines amerikanischen Besatzungssoldaten auszudenken. Der »Schwarze Peter« wird auf der Suche nach dem Vater und voller Sehnsucht, einmal nicht zu den Gezeichneten, den Anderen zu gehören, nach New Orleans gehen und den Mississippi finden. Den Mississippi konnte man, wie die Donau, mit der Fähre überqueren, und zu einer Fähre gehört ein Fährmann. Und schon ist man einerseits beim antiken Mythos und andrerseits beim Blues, bei Charon, der die Toten über den Acheron bringt, und bei der Musik, die von Leid und Widerstand derer, die überleben wollen, kündet. Henisch, ich brauche es nicht auszuführen, ist bekanntlich auch Musiker, Sänger und hat mehrere CDs mit Wiener Liedern und eine mit dem Blues vom Schwarzen Peter, dem Wiener Kind mit dem unbekannten amerikanischen Vater aus Afrika, aufgenommen.

Also: Henisch hegt eine Vorliebe für fließende Gewässer, ich nehme das gerne als Indiz, dass er es eben mag, wenn die Dinge in Bewegung sind, und er etwas gegen politischen Stillstand und sozialen Immobilismus hat.

Drittens. Die Treue
Wenn Henisch einmal über eine Figur und ihre Orte, ihre besondere Haltung zum Leben und in der sozialen Welt geschrieben hat, ist die Sache für ihn damit nicht ein für

allemal abgetan. Er kehrt gerne zu seinen Figuren und in deren familiäres Umfeld zurück, untersucht, wie sie sich entwickelt haben, probiert ihnen andere Berufe an, zeigt sie in neuer Umgebung. Einzelne Bücher hat er für neue Auflagen überarbeitet, mit Fotografien ausgestattet oder erweitert. Etwa die Geschichten Vom Baronkarl, in denen er dem Leben und den Legenden eines Wiener Originals aus der Gegend um den Laaer Berg nachgeht und dabei fast so etwas wie eine soziale und topographische Archäologie betreibt.

Denn Henisch wendet sich häufig dem zu, das gerade verschwindet, verschwunden ist, was sowohl für bestimmte Charaktere oder soziale Verhaltensweisen, als auch für die Landschaften und Stadtschaften gilt. Ich möchte hier anregen, dass einmal eine Studie das Wort »Gegend« im Werk von Peter Henisch untersuche. Die Gegend seiner Jugend, das waren Gstätten und Brachen, aber auch Siedlungen und Straßenzüge, die heute in der Stadt nicht mehr aufzufinden sind, aber Gegend, er bezeichnet es häufig so, konnte auch Wiesen, Hänge, Wäldchen, eine Natur bedeuten, die in der Gefahr steht, verbaut zu werden.

Gleich dreimal hat Henisch Die kleine Figur meines Vaters überarbeitet, ein erstaunliches Zeichen der Treue, die er gegenüber seinen Gestalten und ihrer Welt hegt, und ebenso ein Zeichen für die selbstkritische Aufmerksamkeit, mit der er sich seinem eigenen Werk zuwendet. Als vor zwanzig Jahren, zum sechzigsten Geburtstag des heutigen Achtzigers eine dritte, wiederum neu bearbeitete Ausgabe von Die kleine Figur meines Vaters erschien, hat Erich Hackl das in ein köstliches wie drastisches Bild gefasst. Er meinte, dass sich die allermeisten Autoren der Gegenwart geradezu peinlich hüteten, die Arbeit an publizierten Werken noch einmal aufzugreifen, »als handelte es sich beim Schreiben um einen der Nahrungsaufnahme verwandten Vorgang und bei den Büchern um Fäkalien, die man per Drucklegung für immer runterspült«.

Viertens. Das Leichte
In einer hymnischen Besprechung von Die schwangere Madonna ist Henisch 2005 die »Leichtigkeit raffinierter Prosa« beschieden und, wörtlich, »für das Geschenk höheren Humors« gedankt worden. Die Leichtigkeit, die raffinierte Komposition, der höhere Humor: So hat der unvergessene Ulrich Weinzierl die Prosakunst des Autors charakterisiert. Und tatsächlich, nebst einigem anderen sind es diese drei Dinge, die Henischs Erzählen auszeichnen. Vom Leichten, wie mit leichter Hand Verfassten wissen wir, dass es sich meist als Ergebnis eines künstlerischen Bemühens einstellt, dem man die Mühe nicht mehr anmerkt. Henisch weiß das Leben seiner Protagonisten kompositorisch wie nebenhin auf den Gang der Geschichte zu beziehen und historische Ereignisse oder gesellschaftliche Entwicklungen im privaten Leben seiner Figuren zu spiegeln. Worauf er aber klug verzichtet: das Individuelle deterministisch aus dem Allgemeinen abzuleiten und für jedes epochale Ereignis eine illustrative Wende im persönlichen Leben des Einzelnen zu suchen. Er weiß, dass sich die große Politik verheerend auf das Leben der so genannten kleinen Leute auswirken kann, aber er weiß auch – was gedanklich weniger leicht zu erfassen und literarisch schwieriger zu gestalten ist –, dass es umgekehrt gleichwohl diese Menschen sind, die mit ihrem Tun und Unterlassen ihre Geschichte auch selbst erschaffen. Den Grundfehler vieler historischer und politischer Romane, das Individuum im ständigen Gleichschritt mit der Geschichte zu deren Wendepunkten marschieren zu lassen, hat er nie gemacht. Und es ist auch die kompositorische Raffinesse, die seine Romane frei von solch mechanischen Konstruktionen hält.

Im Schelmenroman Pepi Prohaska Prophet, der im Herbst 1950 beginnt, als Pepi in die Volksschule kommt, und in jenem September 1983 endet, da der polnische Papst in Wien auftritt und der Titelheld verschwindet, hat Henisch diesem eine Figur zur Seite gestellt, aus deren Perspektive Pepis Leben und drei Jahrzehnte österreichischer Geschichte erzählt werden. Im Lebenslauf des Propheten spiegelt sich die Jugendrevolte der sechziger und siebziger Jahre, mit dem Spaß der Happenings und der Verengung auf sektiererische Kaderdisziplin, mit dem Wechsel der Idole und der Plakate von Che Guevara zu Bhagwan, mit der Revolte, sexueller Libertinage und all dem esoterischen Schmus. Der strahlende Held, in dem auch ein Hochstapler und Prediger krauser Welterlösung steckt, wird uns von einem liebenden und gekränkten, eifersüchtig um seinen Status besorgten Bewunderer nähergebracht. Was wir vom Guru und von den Idealen und Illusionen seiner Adepten erfahren, ist also aus der Perspektive dieses Vertrauten erzählt, dem nicht rundweg zu glauben ist. Walter Grünzweig hat mit vollem Recht darauf hingewiesen, dass dieses Verhältnis zwischen Helden und Erzähler – zweier Kinder der fünfziger Jahre und der Wiener Vorstadt – parodistisch an die prekäre Beziehung zwischen dem genialen Tonsetzer Adrian Leverkühn und seinem Jugendfreund Serenus Zeitblom in Thomas Manns Doktor Faustus erinnert. Beide Male ist es die raffinierte Perspektivierung des Erzählens, die das heroische, pathetische oder tragische Geschehen ironisch bricht und es damit vieldeutig macht.

Die Kunst höheren Humors, um auf Ulrich Weinzierls Formulierung zurückzukommen, hat es schwer. Wer sich den Ruf eines Humoristen zugezogen hat, ist verdächtig, entweder allzu versöhnlich über die Schwächen der Menschen und die Zumutungen der Politik hinwegzusehen, also harmlos zu sein – oder es plump und platt zu geben und auf die Einfältigkeit seiner Zuhörer oder Leserinnen zu setzen. Da nutzt es nichts, dass Thomas Mann oder Franz Kafka zweifellos auch große Humoristen waren und die Weltliteratur herrliche humoristische Romane zu bieten hat. Allenfalls wenn man dem Humor die nähere Kennzeichnung »abgründig« hinzufügt, ist es genehmigt einzugestehen, dass man bei der Lektüre mitunter lachen konnte. Humor, Ironie, Witz – Henisch steht da eine Palette mit vielen Farbnuancen zur Verfügung. Das reicht von slapstickartigen Passagen – im Roman etwa über die Überfahrt des Ehepaars May und Franz Kafkas – über das grundironische Raffinement in der erzählerischen Anlage seiner Romane bis hin zu sarkastischem Witz. Als solcher ist etwa schon der Titel eines Romans zu lesen, Steins Paranoia, verrät er doch, dass das Wiederaufflammen des Antisemitismus in den achtziger Jahren weithin nicht als abstoßend reale Sache verstanden, kritisiert, bekämpft, sondern als Paranoia einiger Verrückter abgetan wurde, die selbst in harmlosen Unterhaltungen zwangsweise die Fratze des Antisemitismus entdecken müssen.

Fünftens. Das Werk
Seit fünf Jahrzehnten veröffentlicht Peter Henisch Romane, Erzählungen, Essays, Gedichte, die sich nicht einfach zu einer beliebigen Reihe von Büchern, sondern zu dem fügen, was man früher ›ein Werk‹ genannt hat. Ein Werk besteht nicht aus der summarischen Anzahl einzelner Veröffentlichungen, sondern entfaltet sich durch deren inneren Zusammenhang und in der Treue zu bestimmten Themen und Motiven, die – vor dem Hintergrund sich verändernder Verhältnisse – von Buch zu Buch anders gedeutet, neu abgehandelt, aber doch immer wieder aufgegriffen werden. Als Chronist weiß Henisch, dass zur Wirklichkeit der Menschen mehr gehört als bloß die Realität der Fakten, nämlich auch ihre Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben, die Träume, aus denen nichts wurde, die Ideale, die sich fast unbemerkt verflüchtigt haben. Henisch ist gerade, was das weite Feld der Niederlagen betrifft, ein präziser Landvermesser, aber keiner, der sich mit dem schlechten Verlauf der Dinge bitter zufriedengäbe. In Eine sehr kleine Frau entwirft er etwa das eindringliche Lebensbildnis einer Frau, mit der es die Zeit und die Menschen nicht gut meinten und die sich nie gemäß ihren Begabungen entfalten konnte. Aber der Roman zeigt auch, dass diese kleine Frau, in der Henisch seine Großmutter porträtiert, zwar ihre Träume nicht verwirklichen konnte, sich diese jedoch niemals hat austreiben lassen. Dass auch sie einen Anspruch auf Glück hat, das weiß sie und das hat sie, die Fügsame, auf ihre Weise renitent werden und bleiben lassen. Und auch Peter Henisch selbst hat sich sein schriftstellerisches Leben lang eine Gewissheit zu bewahren vermocht: Bis hin zu seinem beschwingten und humorvollen Jahrhundertroman von 2021 hat er auf einem Trotzdem beharrt, einem Trotzdem, das nichts mit Optimismus oder Zuversicht zu tun hat, sondern mit dem Wissen, dass es, ja, dass es ein wahres Leben im falschen geben kann und es nicht zu rechtfertigen ist, dieses abzuwerten.

Aus Der Hammer, Die Zeitung der Alten Schmiede, Nr. 130, 4.24

Johanna Öttl, Gespräch

»Passion ist nicht nur ein Hobby, sondern auch ein Leiden«

Peter Henisch im Gespräch über Nichts als Himmel (2023)

Von deinem frühen Roman Die kleine Figur meines Vaters bis zu deinem aktuellen Buch Nichts als Himmel spannt sich ein literarischer Bogen, in dem auch Fotografie wiederholt ins Werk gesetzt wird. War es in den 1970ern die Kriegsfotografie, sind es jetzt zwei Aspekte von Fotografie: einerseits politisch-medial verwendete Fotos; andererseits Fotografie als spezifischer Wahrnehmungsmodus. Der Protagonist Paul fotografiert selbst und legt dabei Wert auf eine genaue Wahrnehmung seiner unmittelbaren Umwelt, auf einen geduldigen Blick auf Gegenstände, den Himmel, Vögel. Im Roman werden aber auch Fotos erwähnt, die eine politische Dimension haben – nicht Pauls eigene Fotos, sondern Fotos, die in den Zeitungen erscheinen, etwa ein Foto von übers Mittelmeer geflüchteten Menschen, zusammengedrängt in einem viel zu kleinen Boot, die erschöpft und durchnässt an der italienischen Küste landen. Fotografie begleitet dich in deinem Romanwerk schon einige Zeit und das auf vielschichtige Weise. Was bedeuten diese diversen Arten von Fotografie für dich?

Die Fotos, die wir in letzter Zeit immer häufiger geliefert bekommen, also Fotos von menschlicher Not, von Flucht und Krieg, sind natürlich erschreckend und beunruhigend. Das Foto, das ich im Roman evoziere, eben das Foto, das du soeben erwähnt hast, ist ein sehr bewusst gewähltes Beispiel. Die Hände der Menschen, die um Hilfe bitten, ganz groß im Vordergrund. Sie bitten nicht verbal um Hilfe, sondern mit ihrer ganzen Existenz. Das sind Fotos, die einem nicht so ohne weiteres aus dem Kopf gehen. Auch wenn man, wie Paul, dann rasch weiterblättert, bis zu den Sportnachrichten und zum Wetterbericht. Sicher, es gibt gestellte Fotos – als Sohn eines Kriegsfotografen hab ich einen Blick dafür – und digital ist das Lügen viel leichter als analog, aber das nur nebenbei. Das Foto, das mein Protagonist Paul in der Zeitung sieht, la Repubblica warʼs, ist wahr, und die Hilfe, die auf solchen Fotos von den Migranten erbeten wird, ist existenziell. Im Roman taucht dann mit dem Migranten, der über Pauls Dach kommt, eine Figur auf, die zwar auch um Hilfe bittet – »Give me shelter«, sagt Abdallah. Aber der bittet nicht nur, der hat auch eine Pistole dabei, der fordert. Noch ein Wort zum Foto aus la Repubblica: Wer angesichts solcher Bilder behauptet, dass die Menschen, die man da sieht, nichts als Asyltouristen sind, der soll für diese Gemeinheit in der Hölle braten.

Nichts als Himmel spielt in Italien – Italien ist ein wichtiger Referenzpunkt in vielen deiner Romane. Nun kommt aber der Aspekt der italienischen Asylpolitik dazu, des ›Schutzes der europäischen Außengrenzen‹. Dieser realpolitischen Dimension stehen idyllisierende Italienbilder gegenüber und beide lässt du in Nichts als Himmel anklingen. Wie hast du dich beim Schreiben zwischen diesen zwei Polen von Italienbildern bewegt?

Erstens bewegt sich in dieser Geschichte Paul, und ich bin ebenso wenig mit Paul zu verwechseln, wie San Vito, der zentrale Ort der Handlung, mit San Quirico zu verwechseln ist, das vielleicht manche Leserinnen und Leser kennen. Eine Geschichte ist die Bewegung einer Figur in Raum und Zeit, habe ich einmal in einem Literaturworkshop gesagt, in diesem Buch bewegt sich Paul also in San Vito, das heißt, ich bewege Paul, er ist sozusagen meine Spielfigur, aber auch so etwas wie mein Stuntman. Paul kommt nach San Vito, etliche Jahre oder Jahrzehnte nachdem die aus Mortimer & Miss Molly bekannten Figuren Julia und Marco sich in diesen Ort verliebt haben. Von denen hat er eine romantische Vorstellung von San Vito mitbekommen. Als er jedoch dort ankommt, entspricht das gegenwärtige San Vito dieser romantischen Vorstellung nicht oder kaum mehr. Damit muss sich Paul nun auseinandersetzen. Er sitzt auf der Terrasse, er schaut in den Renaissancegarten und in die Ferne, aber er geht auch im Ort herum. Er lernt Leute kennen, er hört sich ihre Geschichten an, da kriegt er schon einiges mit von dem Unbehagen, das in der Luft liegt, in einer Zeit, von der man sich überrollt fühlt. Aber es geht nicht nur um lokale Zustände. In Mortimer & Miss Molly, dem Roman, in dem Marco und Julia in San Vito ankommen, ist Italien noch ein Land linker Illusionen. Seither hat sich die Stimmung um hundertachtzig Grad gedreht. Noch sind die Rechten nicht ganz an der Macht, aber der Zeitgeist wendet sich ihnen zu. Die Migrationsfrage spielt überall eine Rolle, aber hier ganz besonders. Der Lega-Chef Salvini, der ja in der Szene, in der Paul in der Zeitung blättert, zitiert wird, sagt, dass die anderen europäischen Länder viel reden, aber nicht im Traum daran denken, Italien mit seiner Migrationsproblematik zu helfen. Dieser Salvini ist meines Erachtens ein verachtenswerter Mensch, ein Politiker, der vor allem hetzt, aber mit diesem Urteil über die Heuchelei der anderen europäischen Länder hat er leider Recht. In den transalpinen Ländern, also bei uns, gab es und gibt es Obergescheite, die sagen –– »die Italiener machen ihre Hausaufgaben nicht«. Wenn ich das Wort ›Hausaufgaben‹ schon höre! Da spielt ein altes, von je her unangebrachtes Überlegenheitsgefühl des Nordens gegenüber dem Süden eine Rolle. Mit welchem Recht fühlen sich diese Herrschaften als Schulmeister der Italiener? Von dieser Idee war das nord- und mitteleuropäische Italienbild, bei aller Liebe, immer schon ein bisschen angekränkelt. Die Italiener, so das diesbezügliche Klischee, sind ja nette Leute, aber im Grunde genommen nicht auf der Höhe, auf der wir uns fühlen. Und jetzt spitzt sich die asylpolitische Lage zu, nicht nur in Italien, aber Italien ist aufgrund seiner geografischen Lage ein Land, in dem man diese Entwicklung besonders deutlich mitbekommt. Wenn man die Augen aufmacht und die Ohren nicht zustopft. Aber klar, man kann das auch ignorieren und im Mittelmeer plantschen und die Leute daneben ersaufen lassen.

Bei der Lektüre von Nichts als Himmel schien mir, dass du auch etwas Nostalgie in den Roman setzt. Bezogen jedoch auf das Private – etwa Liebesbeziehungen – nicht etwa auch auf gesellschaftliche oder politische Entwicklungen?

Früher war alles anders, klar. Man bedauert, dass es sich sosehr verändert hat. Um das zu empfinden, muss ich allerdings nicht nach Italien fahren. Zum Beispiel komme ich nach Dürnstein und denke mir: So schön war’s da früher und jetzt kann man sich überhaupt nicht mehr rühren vor lauter Touristen. Die natürlich das Recht darauf haben, dort herumzuwimmeln und sich an der Schönheit des Orts zu erfreuen wie wir auch. Aber damit ist leider der Genius Loci weg. Das ist der Grund für eine Nostalgie, die wahrscheinlich alle Menschen jenseits der Fünfzig empfinden. Weil sie schon eine andere Welt erlebt haben, die ihnen im Rückblick schöner erscheint. Außerdem haben sie eine Welt erlebt, in der man halbwegs optimistisch vorwärtsschauen konnte. »Wir sind jung, die Welt ist offen« – altes Sozialistenlied – oder heißt es, die Welt steht offen? Jedenfalls ein schönes Lied mit einem schönen Text: »Bruder, lass den Kopf nicht hängen, kannst ja nicht die Sterne sehen.« Jetzt weiß man oft nicht mehr, ob das da oben Sterne sind oder Satelliten.

Nostalgie ist auch etwas, das man politisch instrumentalisieren kann. Mit einer Denkfigur, die du angedeutet hast, nämlich: »Früher war alles besser.« In Nichts als Himmel gerät Paul zufällig in eine Vorwahlveranstaltung von Giorgia Meloni. Welche Rolle spielt Nostalgie im politischen Feld?

»Früher war es alles besser«, das sagen tatsächlich alle, ob das Frau Meloni ist oder Herr Kickl. Es hat sich also seit damals etwas derart verändert, dass wir uns in dieser Welt nun nicht mehr daheim, beinahe schon fremd fühlen. Und das stimmt ja. Aber die Rezepte, die die beiden gegen dieses Befremden haben, sind brandgefährlich. Weil sie alte, letzten Endes rassistische Vorurteile perpetuieren, weil sie, was da an Sympathien für den Faschismus oder Nationalsozialismus immer noch unter der Asche der Vergangenheit glost, aufs Neue anfachen, weil sie zündeln. Dabei sieht man das der Signora Meloni nicht gleich an. Sie macht ja auch bella figura in der internationalen Politikszene. Sie ist doch eine sympathische Person, nicht wahr, einigermaßen hübsch, charmant, ihr italienischer Mutterwitz kommt gut an. Die Herren und Damen, die Europapolitik und Weltwirtschaft machen, lassen sich gern mit ihr fotografieren, Hauptsache, sie gibt sich prowestlich, was sie aus Italien macht, ist sekundär.

Zwar ist es schwierig, gegen die Veränderung richtige Rezepte zu finden, doch nennst du auch ein fast utopisches Rezept im Umgang damit, nämlich das Experiment in Riace.

Ja. Im süditalienischen Riace gab es einen Bürgermeister, der sein halbverlassenes Dorf Flüchtlingen zur Verfügung gestellt und versucht hat, mit ihnen eine Art Kooperative aufzubauen. Ein gutes Werk, das auch lang als solches gesehen wurde. Zumindest am Anfang, als die sogenannte Willkommenskultur noch geblüht hat. Da wurden die Vorgänge in Riace mit viel Interesse und Sympathie beobachtet. Presseleute, Filmleute et cetera aus ganz Europa sind gekommen um zu schauen, zu dokumentieren, um zu fotografieren, um Interviews zu machen. Das wäre ja ein nachahmenswertes Modell gewesen. Migranten aus vielen verschiedenen Ländern haben reaktiviert, was zu reaktivieren war – die verfallenen Häuser, die brachliegenden Felder – und konnten dafür in Riace leben und wohnen. Sie hatten vielleicht sogar eine Zukunft in Riace. Aber wie hat das geendet? Das Experiment wurde gestoppt, die Leute wurden in Flüchtlingslager verfrachtet und der Bürgermeister, Domenico Lucano heißt er, wurde zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt.1 Weil man ihm Korruption zugunsten der Migranten vorgeworfen hat, die Begünstigung von Scheinehen und weiß der Teufel was noch alles. Den tauchen wir ein, haben manche wahrscheinlich schon länger gedacht.

An so einem Gutmenschen werden wir ein Exempel statuieren. Diese ganze Geschichte ist eine unglaubliche Tragödie. Auch weil man an diesem Beispiel mitbekommt, wie sich die öffentliche Meinung nach dem Wind dreht. Es ist übrigens bezeichnend, wie wenig diese Geschichte bei uns in Österreich wahrgenommen wurde. Unsere Medien haben, soviel ich weiß, nichts oder fast nichts darüber berichtet.

In Arbeiten über dein Werk wird oft dein Interesse an Außenseiterfiguren genannt und du selber hast dich einmal als »Außenseiter aus Passion« bezeichnet. Was genau ist ein Außenseiter, was ist interessant daran?

Ich hab mich schon als Kind in dieser Außenseiterrolle gesehen. Von der Schulzeit an. Ja, das ist vielleicht eine Interpretation, die aus einer Not eine Tugend macht. Aus dem Gefühl heraus, nicht wirklich integriert zu sein. Du gehörst nicht ganz dazu, aber du willst auch gar nicht ganz dazugehören. ›Außenseiter aus Passion‹. Passion ist nicht nur ein Hobby, sondern auch ein Leiden. Also die Bezeichnung ›Außenseiter aus Passion‹ kann man auch so verstehen. Aber welchen Rat gibt Nietzsche? Man soll aus seinen Leidenschaften Freudenschaften machen.

Vielen Dank, Peter Henisch, für das Gespräch.

Das Gespräch fand am 27. September 2023 in der Alten Schmiede im Rahmen der Buchpräsentation von Nichts als Himmel statt. Das Gespräch führte Johanna Öttl (Alte Schmiede).